Impulse

Dezember

Mary Wards Ansprachen 1617

 

Stichwort  Nicht für Zufall halten

In ihrer dritten Ansprache bemerkte Mary Ward, dass sie nicht vorhatte, über eine bestimmte innere Einstellung zu sprechen: … „woher das kommt, weiß ich nicht mit Sicherheit. Es ist wahr, was ich euch sage, obwohl ich nicht vorhatte, euch so viel zu sagen, es kam zufällig.“

Ganz im Gegensatz dazu hatte sie in der zweiten Ansprache davor gewarnt, irgendetwas für Zufall zu halten.

„Es ist eine große Undankbarkeit, und zwar eine der größten, zu denken, dass alle Dinge durch Zufall geschehen, und das habe ich viele geistliche Menschen sagen hören. Ich denke, dass es für geistliche Menschen kaum ein größeres Hindernis für den Heiligen Geist geben kann, als zu denken, dass uns alle Dinge zufällig geschehen, statt aus allem, was geschieht, unseren Nutzen zu ziehen als aus der Hand Gottes kommend; denn die Schrift sagt, kein Spatz fällt ohne die besondere Vorsehung Gottes zur Erde. In der Tat glaube ich, es ist der beste und leichteste Weg zur Tugend, jede Sache, und sei sie noch so gering, als von Gott kommend anzunehmen.“

Den Anlass dieser Aussage können wir dem entnehmen, was folgt. Offensichtlich gab es Mitschwestern, für die die Worte einer Frau kein oder nur wenig Gewicht hatten:

„… ihr werdet sagen, dass ihr die Predigten bedenkt. Das ist gut; ich wünschte, alle täten das. Aber vielleicht denkt ihr, Frauen dürfen nicht predigen, deshalb muss man ihre Worte nicht besonders beachten. Es ist gewiss, dass die Worte eines jeden, wer es auch sei, Mann oder Frau, wenn sie aufgrund ihrer Stellung zu sprechen haben, zu beachten sind, und jedes Wort, wie unscheinbar es auch sei, zu schätzen ist. Man darf es nicht als zufällig gesprochen vorbeigehen lassen oder ich weiß nicht wie in Erinnerung behalten, als wäre es ausreichend, mich am Rande oder ohne Sorgfalt zu erinnern, dass ich so etwas oder solche Worte gehört habe. Nein, das genügt nicht. Es ist gut, jedes Wort und jede Handlung, die von Vorgesetzten kommen oder von irgendjemand, der Veranlassung zu sprechen hat, als von Gott kommend anzunehmen. Nach meinem Urteil ist das eine gute, angenehme und einfache Weise, Gott zu finden und zu Gott zu gehen.“

Mary Ward begründet die Verpflichtung von Vorgesetzten zur Unterweisung und von Untergebenen zum Hören und Aufnehmen des Gesagten mit der Weisung Gottes und der Kirche:

„Hat Gott nicht seine Apostel und andere berufen und ihnen befohlen zu predigen? Gottes Worte sind nicht vergeblich. Wenn er einigen befohlen hat zu predigen, beabsichtigte er auch, dass andere hören sollten. Außerdem wisst ihr, dass es Ablässe für die gibt, die auf irgendeine Weise lehren oder unterweisen sollen. Dies wird allen gewährt, sowohl Männern als auch Frauen, Laien wie Ordensleuten. Daran könnt ihr erkennen, wie notwendig es ist, nicht etwas als zufällig vorbeigehen zu lassen, sondern aus allem Nutzen zu ziehen, denn Gott befiehlt und die heilige Kirche belohnt, und zwar alle, die auf irgendeine Weise andere unterstützen oder unterweisen, und für Vorgesetzte ist es gewiss, dass ihre Verpflichtung groß ist, nichts zu unterlassen, was für die notwendig oder hilfreich ist, die unter ihrer Obhut stehen: Für eine Vorgesetzte ist es sehr leicht, verdammt zu werden, obwohl sie keine direkte Sünde begangen hat, sondern wegen der Vernachlässigung oder Unterlassung ihrer Pflicht, ihre Untergebenen zu leiten oder zu fördern. Wenn aber die Verpflichtung von Vorgesetzten derart ist, dürfen wir ohne Frage ihre Worte oder etwas, das von ihnen kommt, nicht als zufällig ansehen.“

Soll das, was offensichtlich auf eine konkrete Situation gemünzt ist, auch darüber hinaus gültig sein? Kann man wirklich, ja darf man überhaupt „jede Sache, und sei sie noch so gering, als von Gott kommend“ annehmen?

Nein, denn nicht alles, was Vorgesetzte sagen, stammt vom heiligen Geist. Erst recht ist nicht alles, was geschieht als Wille Gottes aufzufassen, weder Hunger noch Kälte, weder Wetterkatastrophe noch Krieg sind das, was Gott für uns will.

Und doch führen uns die Mystiker den Weg, durch die Dinge hindurchzuschauen und durch sie hindurch Gott zu finden, der uns, wie Hans Küng formuliert, nicht vor allem Leid, aber in allem Leid bewahrt und begleitet.

Auch Alfred Delp weist diesen Weg: „Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“ So ist schließlich das Gebet Ijobs zu verstehen: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn.“

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