Impulse

Oktober

Mary Wards Ansprachen 1617

Stichwort MANGEL AN WAHRHEIT

Wahrhaftigkeit in Beziehungen

„Wer kann eine Lüge lieben – und alle Dinge sind Lügen, die nicht so sind, wie sie in Wirklichkeit sind, oder wer kann ein Geschöpf oder einen Freund lieben, der nicht so ist, wie er zu sein scheint?“

„Wie hässlich ist es zu lügen oder die Dinge nicht richtig auszuführen, wie ich euch vor ein paar Tagen mit dem Beispiel vom unpassend erwiesenen Respekt in eurem Benehmen darlegte. Auch bei jeder anderen gewöhnlichen Angelegenheit ist es sehr unerfreulich und hässlich, wenn sie, obwohl indifferent, nicht angemessen ausgeführt wird. Wie hässlich ist zum Beispiel Schmeichelei. Es mag einer gar nicht so stolz sein – wie unerfreulich ist es, wenn er merkt, dass man ihm schmeichelt. Denn erstens merkt er, dass derjenige, der ihm schmeichelt, den Mangel an ihm entdeckt hat, den er durch die Schmeichelei auszugleichen scheint, außerdem macht er sich über ihn lustig. Wer kann es da ertragen, umschmeichelt zu werden oder als jemand eingeschätzt und angesehen zu werden, der man nicht ist.“

Häufige geistliche Irrtümer

„Zu sehr am Trost und an Gefühlen hängend, glauben sie, wenn diese ausbleiben und sie in Trockenheit geraten und Gott sie zu verlassen scheint, sie hätten ihr Feuer verloren. Das ist ebenfalls eine Lüge, denn man kann auch in geistlicher Trockenheit Feuer haben.“

„Bisher wurde uns von Männern gesagt, wir müssten glauben. Es ist wahr, wir müssen es. Aber lasst uns weise sein und wissen, was wir zu glauben haben und was nicht.“

Grenzen der Wahrhaftigkeit

„Und wenn einige von euch soweit kommen, werdet ihr Geduld nötig haben, wenn ihr erkennt, dass die ganze Welt eine Lüge ist, dass andere lügen und dass ihr selbst manchmal lügen müsst, sogar um anderen diese Wahrheit zu zeigen, weil sie zu Wahrheiten nicht fähig sind. Ja wirklich, ihr werdet Mut und Geduld brauchen, wenn ihr soweit kommt.“

„… dass ihr, wenn ihr zu diesem Wissen der Wahrheit kommt, mit Geduld ertragt, dass die ganze Welt eine Lüge ist, dass andere lügen und auch ihr lügen müsst. Ich meine nicht, sündhaft, aber um andere zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen, müsst ihr lügen beziehungsweise sagen, was nicht die Wahrheit ist; denn wenn ihr ihnen die Wahrheit sagen würdet, würden sie es nicht verstehen. Es ist wirklich bedauerlich, dass wir, um andere zur Wahrheit zu führen, etwas sagen müssen, was nicht die Wahrheit ist und von dem wir wissen, dass es nicht die Wahrheit ist.

Zum Beispiel habe ich neulich nicht gelogen, als ich sagte, ich würde das, womit ich, wie ihr wisst, beschäftigt war (nämlich den Kirchenbau in Saint-Omer), mit Hilfe dieser oder jener bedeutenden Persönlichkeit verwirklichen. Denn ich meinte und beabsichtige alles, was ich sagte und in mir bei solchen Gelegenheiten zu finden weiß.

Deshalb log ich nicht sündhaft, noch war es eine dingliche Sünde, denn es war wahr, dass ich alles, was ich sagte, beabsichtigte und getan haben würde. Aber dem Gehalt nach war es eine Lüge und nicht die Wahrheit. Denn ich wusste genau und konnte nicht anders glauben, als dass es nur von Gott gewirkt werden kann und nicht durch die Mittel, die ich nannte. Und dennoch war ich mittels dieser Lüge in der Lage, sie die Wahrheit erkennen zu lassen. Gewiss hätten sie, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, sie nicht verstanden, sondern hätten gelacht und gesagt: Gut, gut, bete, bete, widme dich deinen Gebeten. Aber auf diese andere Weise, die der Sache nach eine Lüge war, wurden sie, wie ihr gesehen habt, dazu gebracht, die Wahrheit zu verstehen und als Wahrheit zu akzeptieren. Das ist die Lüge, von der ich sagte, ihr müsst geduldig ertragen, sie bei anderen zu sehen und manchmal auch selbst zu gebrauchen, obwohl das, wie ich gestehe, ein großes Ungemach für eine Person ist, die die Wahrheit kennt und liebt.“

Der rechte Blick auf die Unvollkommenheit

„Und noch etwas: Ihr dürft nicht schockiert sein, auch wenn andere Unvollkommenheiten oder Leidenschaften zu haben scheinen. Besonders wenn es sich um Vorgesetzte handelt, sollt ihr positiv urteilen und das Beste denken, wenngleich sie manchmal leidenschaftlich, zornig oder wetterwendisch zu sein scheinen. Ich sage: Seid davon nicht schockiert, denn obgleich es vielleicht Unvollkommenheit bei ihnen geben kann, ist es vielleicht auch keine. Es ist gut für euch, in solchen Situationen zu denken: Anima iusti in manu Dei est, die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand. Wirklich wird es am besten für euch sein, immer zu denken, dass, wie immer andere zu euch zu sein scheinen, – es ist am besten für euch zu denken, dass Gott die Gerechten leitet und regiert und dass omnia operantur in bonum. Alles wird zu unserem Wohl gewirkt.“

 

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