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Die Maria-Ward-Schwestern als Seelsorgerinnen


Maria-Ward-Schwestern als Seelsorgerinnen?! War und ist nicht Seelsorge vorwiegend Männersache? Als die Gefährtinnen Marie Wards während eines Gespräches gelobt wurden, sagte ein Kleriker: der erste Eifer vergeht, und alles in allem, sie sind doch nur Frauen!" Wir sind nur Frauen! Aber sind nicht auch Seelsorger nur Männer?!
Kirchenrechtlich gesehen meint Seelsorge die Verantwortung des Amtsträgers gegenüber seinem Sprengel: Seelsorge ist Pastoral: cura animarum.
Im Vatikanum II wird diese Fixierung auf das Amtüberwunden, indem Pastoral die gesamte Sendung der Kirche in der Welt von heute meint, in ausdrücklicher Solidarität mit "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen" (Gaudium et spes)."Wie der Geist es einem jeden zuteilt" (Röm 12,6): In der Begleitung einzelner oder Gruppen, in der Familie, in der Telefonseelsorge oder im pastoralen Dienst. Dieses Seelsorgsverständnis greift die große kirchliche Tradition der Seelenführung auf, wie sie in der Seelsorgetätigkeit der Mönchsväter (Antonius, Pachomius), der Seelsorgeorden des Mittelalters (Dominikaner, Franziskaner) und der Gegenreformation (Ignatius von Loyola, Teresa von Avila) gelebt wurde. Im biblischen Verständnis meint Seelsorge die Charismen des Tröstens (Röm 12,8), der Ermutigung (1 Thess 5,14),des Ratens (Kol 3,16) und des Heilens (1 Kor 12,9).
Gerade diese Charismen bringen uns nahe an unsere Gründerin Marie Ward heran: Geprägt von der schweren Verfolgung der Katholiken unter Königin Elisabeth I. wollte schon die Fünfzehnjährige ihr Leben ganz in den Dienst Gottes stellen und in den strengsten und abgeschlossensten Orden eintreten.
Es folgten Jahre des Suchens: der Beginn im wallonischen Klarissenkloster in Saint-Omer; die Gründung eines Klarissenklosters für Engländerinnen, in dem sie selbst nur kurze Zeitverweilte. 1609 kehrte Marie Ward für einige Monate nach England zurück. Gott wollte etwas anderes von ihr? Aber was?
In England nützte sie ihre gesellschaftlichen Verbindungen, um Adelige und einfache Leute im Glauben zu stärken oder zur katholischen Kirche zurückzuführen. Marie sieht die Not der Menschen, sie fragt nicht lange: Darf ich das, gerade als Frau? Sie packt an. Für sie war es Auftrag Gottes. Gottes Wort ist Tat! Marie Ward bereitete Gläubige auf den Empfang der Sakramente vor, vermittelte Priester, diskutierte mitanglikanischen Geistlichen und führte geistliche Gespräche. Seelsorge im Untergrund! Und das im 17. Jahrhundert! Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Frau im damaligen England eine weit geachtetere und emanzipiertere Stellunghatte als in den anderen europäischen Ländern. Trotzdem sind ihr Mut und ihr frauliches Selbstverständnis erstaunlich. Das Gemalte Leben in Augsburg, ein Bilderzyklus über ihren äußeren und inneren Weg, zeigt anschaulich ihr seelsorgerliches Wirken in 3 Bildern (Bilder 17-19). In Bild 17 ist Marie Ward zu sehen, wie sie eine kranke Frau besucht, die sich dem neuen Glauben der englischen Nationalkirche zugewendet hat, sie legte ihr die Hände auf und sprach mit ihr. Das mag in der Dame einen Sinneswandel bewirkt haben. Vielleicht fand sie zurück zur römischen Kirche. Jedenfalls vermittelte Marieeinen Priester, dem sie beichten konnte. Auch eine entfernte Verwandte brachte sie in ihrem Eifer in die Kirche zurück. Um dieses Ziel zu erreichen, legte sie sogar ihre adeligen Kleider ab und schlüpfte in die ihrer Dienerin. Über die pastorale Arbeit in England sagt Marie selbst, dass es zwar eine sehrehrenvolle, aber auch anstrengende Tätigkeit sei, wenn sie nicht für den unternommen wird, dem wir alles schulden und mit dessen Gnadenhilfe allein wir sie gut und beharrlich ausführen können". Mary Poyntz, eine ihrer engsten Gefährtinnen, kennzeichnet die Tätigkeit Marie Wards in England so: "... sie versäumte keine Gelegenheit, wenn sich eine solche für den Dienst Gottes und das Wohl des Nächsten bot. Auch übersah sie keine körperliche und geistliche Not, der sie abhelfen könnte. Sie ließ sich auch nicht auf Dispute ein, die Personen oder Orte betrafen; ihr einziges Warum und Was war auf Gottes größere Ehre und die Seelengerichtet, die sich ihm zuwandten".
Einige junge Frauen aus ihrem Verwandten- und Freundeskreis schlossen sich ihr an. Anfang 1610 begannen sie in Saint-Omer, englische Mädchen zu erziehen und zu unterrichten. 1611 schenkte ihr Gott die Erkenntnis, sie solle dieselbe Lebensweise und Ausrichtung wie de Jesuitenorden des hl. Ignatius von Loyola wählen. Nun hatte sie endlich Klarheit. In der Ratio Instituti, dem ersten Institutsplan, den sie nach Rom sandte, um beim Papst die Bestätigung ihres Institutes zu bekommen, sah sie außer der religiösen Erziehung und dem Unterricht der Mädchen auch eine reinpastorale Tätigkeit vor, die um diese Zeit noch ausschließlich auf ihre englische Heimat begrenzt blieb. "Der Geist Gottes ... hat die Liebe zur Verherrlichung Gottes und damit auch den Eifer für die Seelen in uns wachgerufen, wie wir hoffen und vertrauen; daher haben wir uns entschlossen, uns dem Dienst Gottes und dem Heil der Seelengänzlich zu weihen" (Brevis Declaratio 1619/20). Hier klingt die Nähe zu Ignatius an, der einen besonderen Schwerpunkt auf die Verbreitung des Glaubensund das Wohl der Seelen im Leben legte. Dies geschah durch Gespräche, durch die Geistlichen Übungen, durch die Unterweisung von Kindern und einfachen Menschen im christlichen Glauben. Marie Ward war zutiefst überzeugt, dass den Seelenhelfen ein großer Dienst an der Kirche ist. Den Seelen helfen, mit allen Mitteln, die Frauen zustehen, und so mithelfen am Aufbau des Reiches Gottes. Die Aufgabe heißt demnach: Freiwerden, um heimzubringen, um aus jedem irdischen Dickicht noch einen Weg zu Gott zu entdecken, in allen Lagen diese Verbindung suchen und finden, und zwar nicht allein für sich, sondern für alle, die im Bereich unseres Lebens stehen. Die Berufung der Frau wie jeder Kreatur ist die Heimkehr zu Gott. Gibt es eine schönere Beschreibung für den pastoralen Dienst? In jedem irdischen Dickicht einen Weg zu Gott zu bahnen: Ist das nicht eine liebevoller Fingerzeig an die Seelsorger und Seelsorgerinnen des 3. Jahrtausends?
In einer Gebetszeit 1619 zeigte Gott ihr das Bild der Kirche: Martyrer, die wegen ihres Glaubens mißhandelt werden, verschiedenste Gründer kontemplativer Orden. Sie erkannte, dass die Aufgabe ihres Institutes die Sendung zu den Menschen ist, gleich welchen Standes, Alters und welcher Hautfarbe diese Menschen sind. Mit dieser Offenheit für den Menschen verträgt sich nicht die Klausur, das Abgeschirmtsein von der Welt. Die Klausurfreiheit für ihr Institut, die Marie Ward als Willen Gottes erkannte, war es, die ihr letztlich die großen Schwierigkeiten mit Rom brachte. Und doch blieb sie dabei, treu dem erkannten Willen Gottes.
Marie Ward sah auch die Erziehung der Mädchen, die in Europa brach lag, als ihre Aufgabe. Landesfürsten ermutigten sie zu immerneuen Gründungen. Die Schwestern unterrichteten die Mädchen in Sprachen, hauswirtschaftlichen Fächern und in Religion: Im täglichen Miteinander, im Suchen und Fragen, gerade auch in der Sorge um die Not des einzelnen Menschen, einen Weg zu Gott bahnen, das war und ist Seelsorge am jungen Menschen!
Aus dem England der Jahre 1621 und 1622 ist uns der Bericht einer Schwester Dorothy überliefert, die allein und unerkannt in der Untergrundseelsorge in England arbeitete. Sr. Dorothy unterrichtete die Kinder zu Hause und gewann dadurch auch die Zuneigung der Eltern. Es entwickelten sich geistliche Gespräche, sie lernte die Familien beten und führte sie in das Fundament des katholischen Glaubens ein. Sich öffentlich zum Glauben der römischen Kirche zu bekennen, zog oft Verfolgung und den Verlust von Hab und Gut mit sich. Daher lag ihre Hauptsorge auf dem christlichen Lebenswandel der ihr anvertrauten Menschen. So bemühte sie sich, die Gewohnheit des Schwörens und Trinkens auszumerzen. Sie begleitete arme Menschen in ihrer Krankheit und versuchte Entzweite wieder zu versöhnen. Bei ihrer Tätigkeit war sie nicht aneinen Ort gebunden, sie ging überall hin, wo sie gebraucht wurde. Sr. Dorothyi st das Beispiel eines weiblichen Wanderapostels im 17. Jahrhundert! Seelsorge ist Dienst am Menschen - den anvertrauten Menschen auf den Weg zu Gott zu bringen. Marie Ward war zutiefst davon überzeugt, dass Frauen sich genauso gut in den Dienst Gottes nehmen lassen können wie Männer. Da war ein Pater, der neulich nach England kam, den ich sagen hörte, dass er nicht um zehntausend Welten eine Frau sein wollte, weil er dachte, eine Frau könnte Gott nicht erkennen. Ich antwortete nichts, sondern lächelte nur, obwohl ich ihm mit der Erfahrung hätte antworten können, die ich vom Gegenteil habe."
In den vergangenen Jahrhunderten war die vornehmliche Aufgabe der Gefährtinnen Marie Wards die Erziehung der jungen Menschen in den Schulen.
Die seelsorgerlichen Charismen des Tröstens, Heilens, Ratens und der Ermutigung waren auch immer Anliegen der Schwestern. Es war und ist Sorge um die ihnen anvertrauten Menschen. Heute übernehmen gerade in Westeuropa immer mehr Laien die Aufgaben der Schwestern in den Schulen. Dadurch entstehen andere Schwerpunkte: Gemeinde- und Schulpastoral, Begleitung der Lehrer im Geist Marie Wards, Exerzitienarbeit, Beratung, Krankenhausseelsorge ( in England begleiten gerade unsere älteren Schwestern Menschen in den Sterbehospizen). Die Exerzitien, die Geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola, sind ein Weg, um Gott in allem zu finden. In den osteuropäischen Provinzen, in Rumänien und Sibirien, verhelfen die Nachfolgerinnen Marie Wards Kindern und Jugendlichen, Geschmack am Glauben zubekommen. Meist ist diese Arbeit nicht zu trennen von sozialem Engagement: In Rumänien sind es die alten Menschen, denen die letzten Jahre menschenwürdiggestaltet werden, und die Kinder in den Kindergärten mit ihren Eltern, die eine kommunistische Vergangenheit haben und zum ersten Mal einen Weg zum Glaubensehen können. Seit kurzem arbeiten Schwestern in Brasilien in einer großen Pfarrei am Amazonas. Ihre Aufgabe ist die Evangelisierung der Bevölkerung. Die große Not der Armen und Aidskranken versuchen unsere Schwestern in Afrika und Chile zu mildern. In Simbabwe lebt Sr. M Mercy mit Straßenkindern - es sind Aidswaisen. In ihrem Erfahrungsbericht lesen wir: Als uns Dhembare gebracht wurde, war er wüst und grob, ohne menschliche Würde. Er kennt weder Vater noch Mutter. Einige Zeit brauchte er, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die für ihn sorgen. Als der Junge gewaschen war und Kleidung erhalten hatte, war er voller Freude. Ein wundervolles Lächeln war auf seinem Gesicht. Er ging herum und sagte: "Jetzt bin ich ein Mensch". Am Morgen des Ostersonntags hörte ich seine Stimme - er stand vor der Kirche und rief. Ich ging zu ihm und fragte ihn, ob er wegen seines Ostergeschenkes gekommen sei. Aber er sagte: "Ich möchte mit den anderen Kindern beten". In der Kirche war dieser Junge voller Freude. Er war froh, mit anderen zusammen zu sein und zu singen. Seit diesem Tag äußerte er immer wieder den Wunsch, in die Kirche zu gehen.
Maria-Ward-Schwestern als Seelsorgerinnen! Die Aufgaben und Herausforderungen sind vielfältig, denn "die göttliche Liebe gleicht einem Feuer, das sich nicht einschließen läßt. Denn es ist unmöglich, Gott zu dienen ohne sich zu bemühen, seine göttliche Ehre auszubreiten" (Marie Ward).

M. Roswitha Bach CJ

Verwendete Literatur:

Chambers Mary Caterine Elizabeth, Leben der Maria Ward, 2 Bde, Regensburg 1888/89. Grisar Josef, die ersten Anklagen in Rom gegen dasInstitut Maria Wards, Rom 1959. Hallensleben Barbara, Theologie der Sendung, Die Ursprünge bei Ignatius und Mary Ward, Frankfurt am Main, 1994. Peters Henriette, Mary Ward, ihre Persönlichkeit und ihr Institut, Innsbruck - Wien,1991 Wetter M. Immolata, Schulungsbriefe 3, 6 und 10, hg. vom Institutum Beatae Mariae Virginis Rom 1969 - 1982.
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