"Eigentlich habe ich keinen Bedarf, aber..."

"Eigentlich habe ich keinen Bedarf, aber..."

Eindrücke aus zwei Monaten in der Krankenhausseelsorge

Anfangs überwog meine Scheu: Wie soll ich den Menschen im Krankenhaus begegnen? Was sage ich, wenn ich ungefragt und ungebeten in ein Krankenzimmer eintrete und mich den Patientinnen und Patienten dort anbiete? Dringe ich nicht unerlaubt in die Intimsphäre der Menschen ein, wenn ich dies tue? Was habe ich ihnen wirklich anzubieten – außer mich selbst, noch dazu in meiner Unsicherheit? Was qualifiziert mich eigentlich für diesen Dienst? Kann ich nicht mit einem falschen Wort auch viel Schaden anrichten? Fragen über Fragen, die mich in den ersten Tagen geradezu lähmten.

Ich war frisch in mein Pastoralexperiment aufgebrochen. Zwei Monate lang sollte ich mich in der Seelsorge ausprobieren, als Praktikantin in der Krankenhausseelsorge eines großen somatischen Krankenhauses. Da ich selbst bereits etliche Jahre in der Verwaltung und Geschäftsführung mehrerer Krankenhäuser gearbeitet hatte, machte mir die Einrichtung Krankenhaus im Vorfeld wenig Sorge; ich kannte das System von innen. Zudem stand für mich auch nicht die Frage im Raum, ob ich eines Tages hauptamtlich in der Pastoral arbeiten könnte. So konnte ich die Aufgabe ganz ruhig und gelassen annehmen ... bis ich den Auftrag erhielt, auf den mir zugeteilten Stationen von Zimmer zu Zimmer zu gehen und den Patientinnen und Patienten dort mich und meine Zeit anzubieten. Die Hauptaufgabe meines Experiments sollte in diesen seelsorglichen Gesprächen bestehen. Da stand ich nun – unsicher und scheu, irgendwie auch allein, auf mich selbst gestellt; denn bei seelsorglichen Gesprächen konnte ich eben schlecht zunächst anderen über die Schulter schauen.

Gott sei Dank habe ich diese Lähmung ziemlich schnell überwunden. Dabei half mir das Bewusstsein, dass ich den Menschen ja nichts aufschwätzen oder verkaufen will, sondern tatsächlich "nur" mich selbst den Patientinnen und Patienten anbiete - in aller Unsicherheit und Ohnmacht angesichts schlimmer Erkrankun-gen und existenzieller Fragen, aber auch in dem Klarheit, dass es letztlich nicht um mich und meine Person geht, sondern um Gott, um Sein Mitgehen auch in Zeiten der Krankheit, um Seine Zuneigung und Liebe. Ich übte mich ein in das Vertrauen, dass Er durch mich wirken kann, wenn ich Ihn nur lasse, wachsam und sensibel höre auf das, was die Menschen mir sagen und was sich in mir rührt. Natürlich halfen mir auch die positiven Erfahrungen in den ersten Begegnungen.

So ging ich dann tatsächlich zwei Monate lang zu den Patientinnen und Patienten auf den Stationen, verbrachte viel Zeit im Gespräch, manchmal auch im Gebet in Krankenzimmern. Ich durfte viele Menschen kennenlernen und ein Stück ihres Weges begleiten. Manchmal blieb es bei einem einzigen Gespräch oder gar einer kurzen Begegnung, andere Patientinnen und Patienten konnte ich über einen längeren Zeitraum begleiten, immer wieder Anteil nehmen an ihrer aktuellen Verfassung, ihren Fragen und ihrem Ringen. Einige Menschen sind in dieser Zeit auch verstorben. Oft waren es dichte, intensive Gespräche. Innerhalb kurzer Zeit kam ich in Beziehung mit so vielen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, die jedoch alle von Krankheit überschattet waren. Ständig musste ich Menschen auch wieder loslassen, die entlassen wurden. Viele Fragen und Nöte, die Sorge um Einzelne und auch meine Hilflosigkeit habe ich Gott anvertraut, im Gebet in Seine Hände gelegt.

Natürlich übernahm ich auch einige andere Aufgaben im Lauf dieser zwei Monate: Ich half beim Austeilen der Krankenkommunion auf den Stationen, wirkte in verschiedenen Liturgien mit, unterstützte die Kolleginnen und Kollegen bei organisatorischen Aufgaben. Es gab auch einige wenige Situationen, in denen Patientinnen und Patienten ausdrücklich um ein seelsorgliches Gespräch baten und ich sie besuchen durfte. Prägend blieben für mich die vielfältigen Begegnungen am Krankenbett.

Meinen Einsatz fand ich sehr lohnend und erfüllend, wenn auch manchmal anstrengend. Die Dankbarkeit vieler Patientinnen und Patienten hat mich immer wieder aufs Neue berührt. Viele zeigten sich dankbar, dass ich zu ihnen gekommen war und einfach Zeit mitbrachte, dankbar für mein Da-Sein und Beistehen, für ein gutes Wort oder die Begleitung im Gebet. Manche brachten auch ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, dass ich "dran bleibe", dass ich sie auch an schlechten Tagen und in miesen Stimmungen aushalte, dass ich sie nicht vergesse. Mich selbst erfüllte große Dankbarkeit dafür, dass ich den Menschen (in und durch meine eigene Beschränktheit) offensichtlich doch etwas zu geben hatte, dass letztlich Gott ihnen durch mich etwas von Seiner Zuneigung spüren ließ, dass Er den Menschen tatsächlich durch mich, durch meinen Dienst und mein Da-Sein nahe sein will. Mir wurde auch deutlich, dass wir als Kirche den Menschen durchaus noch etwas zu sagen haben – wenn wir präsent sind und zu den Menschen gehen, sie in ihrer Situation anneh-men, zuhören, nachfragen... "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter" (Mt 9,37), kam mir immer wieder in den Sinn.

Sr. Anna Schenck

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