Grußwort von P. Stefan Dartmann SJ

400 Jahre Congregatio Jesu –
Grußwort P. Prov. Stefan Dartmann SJ

Liebe Schwestern in der Congregatio Jesu!

Nicht: liebe, die Ihr Euch „Schwestern“ nennt!
Auch nicht – oder besser nicht nur: liebe Schwestern im Herrn!“
obwohl das die Sache sehr gut treffen würde,
sondern einfach: liebe Schwestern!

Es gibt wohl keine weibliche Ordensgemeinschaft, deren Mitglieder ein Jesuit mit mehr Sympathie als „Schwestern“ anredet als die, die sich einst – zumindest zeitweise und an bestimmten Orten – „Matres de Societate Jesu“ oder schlicht „Jesuitinnen“ nannten.

Und so manchem Jesuiten mag es am 30. Januar 2004, als Ihrer Gemeinschaft – endlich! – das Recht zugestanden wurde, die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu zu übernehmen, wie Adam ergangen sein, der beim Anblick von Eva ausruft: „Das endlich ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.

Wenn die Schwester CJ einen runden Geburtstag feiert, darf der Bruder SJ einfach nicht fehlen!
Daher – und vor allem: Herzlichen Glückwunsch, liebe Schwester, zum Geburtstag!

 

Liebe Festgemeinde!

Dass die 69 Jahre jüngere Schwester ihren 400. Geburtstage feiert, bedeutet, dass der ältere Bruder – wohlgemerkt: nicht der „große Bruder“! – auch nicht mehr der jüngsten einer ist…

Zusammen mit zahlreichen Mit-Brüdern, die unter uns sind, vertrete ich hier und heute den größten und ältesten Zweig im Stammbaum ignatianisch inspirierter Gemeinschaften.

Das ignatianische Blut in unseren Adern verbindet uns.
Als Brüder freuen wir uns, dass unsere jüngere Schwester auch nach 4000 Jahren noch so viel Leben ausstrahlt. Und das, obwohl man sie im Alter von 22 Jahren schon einmal für tot erklärt hatte.
Aber Päpste sind halt auch nur Päpste und – keine Mediziner.

Als Jesuiten wissen wir aus eigener Erfahrung: Totgeglaubte – auch von Päpsten Totgeglaubte – leben länger!

Es ist schon merkwürdig, dass die beiden Ordensgemeinschaften, die von Anfang an ersehnt haben, sich durch ein spezielles Gelübde den Päpsten zur Verfügung zu stellen, im Laufe ihrer Geschichte genau von diesen in die Wüste geschickt wurden.
Verschmähte Liebe? Auch das verbindet, nicht wahr?

 

„Nicht Furcht, sondern Liebe. Geistliche Lebenskunst mit Mary Ward.“
So der Titel eines „Ignatianischen Impulses“, von Sr. Ursula Dirmeier.

Als ich das Inhaltsverzeichnis las, war ich zunächst versucht, den Titel umzuschreiben in „Lebenskunst aus dem Geist der Exerzitien und Konstitutionen des Ignatius von Loyola“. Denn ignatianischer Geist, das „Nimm das gleiche von der Gesellschaft Jesu“, artikuliert sich auf jeder Seite dieses Buches.

Doch schon im Vorwort mahnt Sr. Ursula mit Recht , Mary Wards Spiritualität als wirklich eigenständige Pflanze im ignatianischen Spiritualitätsgarten anzusehen, der jesuitischen Spiritualität verwandt, aber dennoch sehr selbständig.

Die beiden Geschwister Ignatius und Mary Ward, der Baske und die Engländerin – beide aus gutem Hause und von einer tiefen Liebe zur Kirche erfüllt – sie haben, bei aller Gemeinsamkeit, doch ihr jeweils eigene Charisma entwickelt und sie haben – das ist nicht zu unterschätzen . ihre jeweils eigene Geschichte.

Kein Wunder, wachsen sie doch in unterschiedlichen Ländern und in ganz verschiedenen geschichtlichen Situationen auf und werden davon geprägt. Widerstände innerhalb und außerhalb der Kirche, Aufhebung und Vertreibung – all das gehört zur Geschichte der Gesellschaft Jesu und der Congregatio Jesu.

Und doch war das Schicksal Mary Wards ungleich härter. Was bei Männern gerade noch akzeptabel war, die Gründung eines Ordens ohne Klausur und mit vielen anderen Freiheiten, und das ganze verbunden mit einer schier unbegrenzten apostolischem Aktionsradius – bei Frauen ist das doch wohl ausgeschlossen, oder?
                „Da könnte ja jeder kommen“ und „Wehret den Anfängen“ –
schallte es Mary Ward aus einer verunsicherten Männerkirche entgegen.

Der ältere Bruder, der auf die „Berufung der jüngeren Schwester mit einer Mischung aus Sich-geschmeichelt-Fühlen und Verachtung reagierte – er wusste nicht so recht, auf welchem Bein er stehen sollte: mal nahm er das Risiko auf sich, sich zu den als „Jesuitinnen“ belächelten Schwestern zu bekennen. Mal schlug er sich unverblümt auf die Seite der Gegner oder war seiner Schwester – um es mal vorsichtig zu sagen – „wenig hilfreich“.

Als der wundersame Weg der Schwester – ein Weg ständiger Demütigung einerseits und fortschreitender Emanzipation andererseits – am 30. Januar 2004 zu einem vorläufigen Höhepunkt kann und sie die Erlaubnis erhielt, die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu zu übernehmen, schien der Bruder vielerorts unvorbereitet und rieb sich die Augen:
„Nanu!“ „Ja so was!“, und „Sogar das vierte Gelübde haben sie, das, was nicht einmal allen Jesuiten erlaubt ist…??“

Nun, der ältere Bruder hatte sich schon lange seiner jüngeren Schwester wieder angenähert und sich – vermutlich auch aufgrund berechtigter Schuldgefühle! – auf verschiedene Weise erboten, seiner jüngeren Schwester im Kampf mit dem Kirchenrecht behilflich zu sein.

Wie immer es im Einzelnen gewesen ist – heute freut sich der ältere Bruder von Herzen und ist richtig stolz über seine Verwandtschaft mit der Schwester!

 

Liebe Schwestern!
Liebe Festgäste!

Ich bin kein Prophet, aber ich ahne, dass die Zukunft von uns gleichen und zugleich ungleichen Geschwistern CJ und SJ unsere beiden Ordensgemeinschaften noch weit mehr zusammenführen wird, als wir uns das heute ausmalen können.
Zum Nutzen und Frommen beider Seiten!
Und zum Segen für die Kirche Gottes!

Ein Blick auf die jeweils letzten Generalkongregationen unserer Gemeinschaften legt das nahe.

Angesichts der radikalen Veränderungen in Gesellschaft, Kirche und Ordenslandschaft braucht es Orden wie die CJ, die sich im Verlaufe ihrer Geschichte immer wieder neu erfinden musste und sich auch heute wieder neu erfinden muss.

Anne Granda schreibt in „Engagiert“, der Zeitschrift des Katholischen Frauenbundes: „Noch heute begeistert ihre Nachfolgerinnen die Bereitschaft Mary Wards, vorläufige Lösungen aufzugeben, die Demütigung auf sich zu nehmen, doch noch nicht angekommen zu sein und weiter suchen zu müssen.“

Ja, suchen Sie weiter, liebe Schwestern. Suchen Sie weiter!
Und suchen wir noch mehr gemeinsam, wo und wie wir Glaube und Gerechtigkeit fördern können, wie wir die erreichen können, zu denen niemand anders hingeht, denen niemand anders hilft.

Der Name der Congregatio Jesu ist Programm:
Wir sind Gottes wegen für die Menschen da und der Menschen wegen für Gott.

Das klingt auch für Jesuiten vertraut, bekannt, um nicht zu sagen: verwandt!
In diesem Sinne und im Sinner einer hoffentlich wachsenden geschwisterlichen Nähe, wünsche ich unserer Schwester CJ Gottes Segen für die nächsten 100 Jahre!
Ich danke Ihnen.