"Nebenexperimente"

"Nebenexperimente"

Unsere diversen Einsätze in den Zeiten in Nürnberg

Sr. Nathalie Korf:

JVA Nürnberg – Frauenhaftanstalt

„Wer an der Spielegruppe von Sr. Nathalie teilnehmen möchte, melde sich bitte per Notrufknopf!“ schallt es dienstags um 14 Uhr durch die Lautsprecher des Frauengefängnisses in Nürnberg. Kurz darauf kommen die Frauen in den Speisesaal, wo ich meine mitgebrachten Spiele bereit gelegt habe. Die „Stammspielerinnen“ grüßen fröhlich und greifen zielstrebig nach ihren Lieblingsspielen. Andere haben die Chance ergriffen, aus ihrer Zelle herauszukommen und erkunden jetzt, auf wen und was sie sich eingelassen haben. Auch ich beobachte erst einmal: Wer ist heute da? Bilden sich von alleine Spielgruppen oder muss ich irgendwo motivieren, integrieren, erklären? Meist spiele ich mit, oft ist die Stimmung heiter. Ich frage nicht, wer die Frauen sind oder warum sie da sind. Während des Spielens sind Vergangenheit und Zukunft unwichtig, es lenkt ab und macht Spaß. Beliebt sind Spiele wie „Ligretto“, wo man schnell reagieren muss, oder Spiele, bei denen man „sein Hirn braucht“. Beim „Tabu“-Spielen lerne ich anhand der Art und Weise, wie die Gefangenen die Wörter erklären, einiges über den Knastalltag. Manchmal ist dieser Alltag so belastend, dass sich jemand nicht aufs Spielen einlassen kann. Da bricht dann z.B. eine Frau in Tränen aus, weil sie von ihren Mitgefangenen auf der Zelle gemobbt wird oder die Frauen lassen ihren Frust über die Haftbedingungen raus. Oft höre ich Sätze wie „Ich habe Mist gebaut und es ist richtig, dass ich dafür bestraft werde, aber doch nicht so...“ Dann kann ich nur zuhören, ändern kann ich nichts – weder an den Haftbedingungen noch an der aussichtslosen Lebensperspektive der Frauen. „Nehmen Sie auch alles wieder mit heraus, was sie hereingebracht haben?!?“ werde ich am Ende von den Beamten gefragt, während mir viele Türen geöffnet werden bis zu der Tür, die nach draußen führt. Ja, ich habe noch dasselbe Spielmaterial in meiner Tasche, habe nichts hineingeschmuggelt, bin nicht beklaut worden. Aber ich bin nicht dieselbe, ich gehe mit vielen Eindrücken aus einer völlig anderen, fremden, Welt hinaus – einer Welt, in der niemand leben möchte. Ich bringe meine Fragen vor den Herrn und ich bringe ihm die Frauen, denen ich begegnet bin. Ich bitte Ihn, dass Er in ihnen Türen zum Leben öffnet, damit sich ihnen am Ende ihrer Haftzeit die Tür nach draußen in die Freiheit für immer öffnet.

Fenster zur Stadt – Begegnungscafé der katholischen Stadtkirche

Seit Beginn des zweiten Noviziatsjahres arbeite ich an zunächst drei, jetzt zwei Nachmittagen in der Woche für jeweils drei Stunden im „Fenster zur Stadt“ mit. Auf den ersten Blick ist es ein normales Café, wenn man sich jedoch genauer umschaut, merkt man schnell, dass hier etwas anders ist. Ich beschreibe das „Fenster“ gerne als öffentliches Wohnzimmer für Menschen, die viel Zeit und wenig Geld haben. Der Grund hierfür ist meist Arbeitslosigkeit. Bei vielen Gästen kommt Einsamkeit hinzu, eine psychische Krankheit, eine andere Nationalität... – manchmal auch alles zusammen. Ins „Fenster“ darf jeder kommen so, wie er ist, und er darf bleiben so lange es ihm gut tut. Die meisten Gäste kommen täglich. Man kennt sich untereinander, weiß um die Stärken, aber auch die „Ticks“ der anderen. Ich helfe meist an der Theke. Über die Ausgabe von Kaffee oder Tee ergeben sich oft kurze Gespräche. Mit einzelnen Gästen unterhalte ich mich regelmäßig länger, nehme Anteil an ihrem Leben und erzähle ihnen von meinem. Viele Gäste und auch die Mitarbeiter sind mir vertraut geworden und ich werde sie vermissen. Auf meinen weiteren Weg nehme ich das Leben im „Fenster“ als ein Bild für Kirche im Großen und im Kleinen mit: ein Ort, an dem jeder in seiner Einmaligkeit willkommen ist und geschätzt wird. Daran will ich mein zukünftiges pastorales Handeln messen.

Bahnhofsmission

In meinem ersten Noviziatsjahr habe ich an den Mittwochen, an denen ich in Nürnberg war, sechs Stunden in der Bahnhofsmission mitgearbeitet. Ich habe hilfebedürftige Reisende beim Ein-, Ausoder Umsteigen begleitet – ein Angebot, das meist von alten oder blinden Menschen oder Eltern mit Kleinkindern in Anspruch genommen wird. Oft haben sich in der Wartezeit zwischen zwei Zügen gute Gespräche ergeben. In den Räumen der Bahnhofsmission bin ich vielen wohnungslosen Menschen begegnet, denen ich Essen oder Kleidung ausgegeben habe, oder auch anderen bedürftigen Menschen, die ich an eine geeignete andere Hilfestellen weiter verwies. Die vielfältigen
Begegnungen waren eine Bereicherung für mich. In der Reflexion mit der Noviziatsleiterin wurde jedoch deutlich, dass ich das zweite Noviziatsjahr nutzen möchte, um noch einmal in einem völlig anderen, neuen Bereich Erfahrungen zu sammeln.

 

Sr. Anna Schenck:

Domus Misericordiae – Einrichtung der Wohnungslosenhilfe

Gleich zu Beginn meines Noviziats wurde ich für einen Nachmittag in der Woche zu den Männern im “Domus“ geschickt. Seither hat sich in meinem Einsatz in dieser Wohnungsloseneinrichtung der Caritas viel entwickelt. Anfangs fand ich es eher schwierig, ohne konkreten Auftrag auf die Männer dort zuzugehen, überhaupt ins Gespräch zu kommen oder gar in eine Beziehung mit ihnen aufzubauen. Inzwischen bin ich allgemein bekannt und verstehe meinen Auftrag überwiegend im Sinn von Da-Sein, Zur Verfügung stehen, Mich einlassen – und Beten. In der Regel feiern wir am Mittwochabend Eucharistie und bieten andere Gottesdienste an, keine leichte Aufgabe, da die meisten Männer aus unterschiedlichsten Gründen von Kirche nicht viel wissen wollen. Gerade seit dem Auszug der beiden Niederbronner Schwestern, die bis April 2012 im Haus lebten, werde ich noch stärker als Schwester und Ansprechpartnerin für die Pastoral wahrgenommen – in enger Zusammenarbeit mit den Jesuiten, für die ich sehr dankbar bin. Im Rückblick prägen viele Höhen und Tiefen meine Zeit im Domus: fröhliche Feste und Trauerfeiern für verstorbene Bewohner, Krankheiten und sportliche Aktivitäten, spürbare körperliche und psychische Beeinträchtigungen und Dankbarkeit. Viele Menschen – die im Domus Hilfe erfahren ebenso wie die dort haupt- oder ehrenamtlich arbeiten – sind mir dabei schlichtweg ans Herz gewachsen.

BAHIA – Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

"Hast du Zeit?" – "Ja, ich habe Zeit." – Was für ein Luxus, Zeit zu haben, wenn mich 16-jährige Afghanen fragen, ob ich ihnen bei den Hausaufgaben helfen oder mit ihnen Deutsch lernen kann! Ich bin froh, dass ich ihnen mit meinen begrenzten Mitteln und meiner Zeit beistehen kann, auch an ihnen dran bleiben und ihnen etwas Aufmerksamkeit schenken kann. Im zweiten Noviziatsjahr war ich zunächst an drei Nachmittagen in der Woche in der BAHIA, einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Rummelsberger Dienste, jetzt bin ich es immerhin noch an zwei Nachmittagen. In der Wohngruppe leben 11 Jugendliche, überwiegend 16 und 17 Jahre alt, die aus vielfältigen Gründen, insbesondere aus Erfahrungen von Gewalt und Bedrohung, von ihren Angehörigen auf die lange und gefährliche Reise nach Europa geschickt wurden. Neben dem Verlust der Heimat und Familie haben viele tiefe Traumata zu verarbeiten. Hinzu kommt die fremde und schwierige Sprache, die Konfrontation mit einer völlig anderen Kultur, die ganz normalen Entwicklungen der Pubertät... – und die unsichere Zukunftsaussicht. Leicht
haben es die "Jungs" in der BAHIA sicher nicht. So empfinde ich meinen Einsatz bei ihnen als besonders sinnvoll.