Tertiatszeit im Libanon: Bericht von Sr. Anna Schenck CJ

Von Flüchtlingen, Schulen und Dinge die anders kommen, als geplant

Sr. Anna Schenck berichtet vom Start in ihre Tertiatszeit im Libanon

Seit Oktober 2019 ist Sr. Anna Schenck CJ im Rahmen ihres Tertiats im Libanon. In unregelmäßigen Abständen berichtet sie von ihren Erfahrungen. 
Die Sternsinger sammeln in diesem Jahr auch für syrische Flüchtlingskinder im Libanon, darunter auch für die Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes, in denen Sr. Anna aktiv ist.

Those who want to read Sr Anna's reports in English, please click here.

Januar 2020

Als Freiwillige beim Jesuitenflüchtlingsdienst – meine ersten Erfahrungen

Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle ein erster Bericht meiner Erfahrungen während des Tertiats hier im Libanon veröffentlicht. Heute möchte ich einen etwas tieferen Einblick in meine Arbeit für den Jesuitenflüchtlingsdienst geben. Die politische und wirtschaftliche Situation im Libanon ist weiterhin angespannt. Doch sind die Straßensperren, die die Protestierenden errichten, seltener geworden und die Armee räumt diese inzwischen auch schneller – was bedeutet, dass die Schulen an den meisten Tagen öffnen konnten und ich dort meine Engagement als Freiwillige aufnehmen konnte.

Wie bereits beschrieben, betreibt der Jesuitenflüchtlingsdienst (https://jrs.net/en/country/lebanon/) drei Schulen für syrische Kinder und ein Sozialzentrum in Bar Elias. Bar Elias ist die Nachbarstadt von Taanayel, wo ich lebe. Mein Einsatz als Freiwillige findet an einer der Schulen, der Telyani-Schule statt, die ich hier näher vorstellen möchte.

Die Telyani-Schule bietet Schulbildung für rund 500 Kinder aus Syrien in den Klassen 1 bis 6, in etwa vergleichbar mit unseren Grundschulen. Es gibt zwei Schichten mit jeweils acht Klassen – vormittags und nachmittags. Normalerweise bleibe ich den ganzen Tag an der Schule, so dass ich sowohl die jüngeren Kinder am Vormittag als auch die Größeren am Nachmittag erlebe.

Die Altersunterschiede haben mich anfangs sehr erstaunt. Da viele syrische Kinder in den vergangenen Jahren nicht (wie im Libanon üblich) mit fünf eingeschult wurden und darüber hinaus oft über längere Zeiten keine Schule besuchen konnten, sind in den Klassen Kinder ganz unterschiedlichen Alters – eine der Herausforderungen, wenn ich in Sportstunden mithelfe. Zudem sind die Wissensstände und Lernfähigkeiten innerhalb der Klassen auch ganz unterschiedlich ausgeprägt. Keine einfache Situation für die Lehrerinnen und Lehrer, zumal die Klassen jeweils aus bis zu 40 Schülern bestehen.

Auch die Raumsituation stellt eine Herausforderung für den Unterricht dar, entspricht sie doch bei Weitem nicht deutschen Standards – obgleich es inzwischen auch hier richtig kalt geworden ist, besonders am Morgen. Und im Januar und Februar ist selbst mit Schnee zu rechnen. Die Schule besteht aus acht Klassenräumen und einigen zusätzlichen Räumen für Toiletten, die Verwaltung, ein Lager und eine kleine Küche, wo täglich Brote für die Kinder hergestellt werden. Sie ist aus Spanplatten gebaut und wurde von einer Stiftung, mit der der Jesuitenflüchtlingsdienst zusammenarbeitet, errichtet. In jedem Raum gibt es einen Ofen, trotzdem ist es manchmal sehr kalt, besonders, wenn es draußen windig ist und/oder regnet.

Die größte Herausforderung, die ich sehe, ist, dass die Kinder all die Probleme aus ihren Familien mit in die Schule bringen – und allzu oft haben sie zu Hause auch keine Umgebung, die sie beim Lernen unterstützt. Alle Schülerinnen und Schüler der Telyani-Schule leben in den umliegenden Flüchtlingscamps (die hier im Libanon offiziell “Informal Tented settlements” heißen, weil es formal keine Flüchtlingscamps im Libanon gibt), Telyani ist selbst von einem Camp umgeben. Was auch immer die Kinder im Krieg und auf der Flucht erlebt haben, leben sie heute in schwierigen Umständen in Großfamilien, die auf engstem Raum zusammenleben, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und oft auch Hoffnungslosigkeit. Häusliche Gewalt ist weit verbreitet, manchmal sogar Missbrauch, es gibt gesundheitliche Probleme, aber auch einen Mangel an Struktur und Hilfe. Darum haben alle Schulen des Jesuitenflüchtlingsdiensts eine Sozialarbeiterin, die Schüler und Lehrer gleichermaßen unterstützt. Trotzdem bleibt das sogenannte „Klassenmanagement“ – also der Versuch, eine lernfördernde Umgebung mit ausreichend Ruhe und Aufmerksamkeit zu schaffen, die es den Schülern ermöglicht, dem Unterricht zu folgen – eine große Herausforderung, vor allem in den Klassen mit den jüngeren Schülern. Ich bewundere die Lehrerinnen und Lehrer, die sich dieser Aufgabe jeden Tag aufs Neue stellen.

Was ist nun meine Rolle in all dem? Meine Hauptaufgabe, so wie ich sie wahrnehme, ist es, da zu sein, die je einzelne Person zu sehen und wahrzunehmen, Beziehungen aufzubauen. Darüber hinaus versuche ich, die Lehrer so gut wie möglich zu unterstützen – vor allem im Englischunterricht, aber auch in Mathematik und Naturwissenschaften, die auf Englisch unterrichtet werden. Und dann natürlich in den Sportstunden, die im Schulhof stattfinden. Manchmal kann ich schwächeren Schülerinnen und Schülern helfen, dem Unterricht etwas besser zu folgen.

Auch bei einigen Projekten und anderen Aktivitäten kann ich mitwirken – es bleibt abzuwarten, was sich noch alles ergibt. Mein Beitrag ist nicht sehr groß, das musste ich erst akzeptieren. Doch ich spüre auch, dass meine Anwesenheit für die Menschen an der Telyani-Schule wertvoll ist – was wiederum ein wunderbares Geschenk für mich ist.

Text: Sr. Anna Schenck CJ
Bilder: JRS

Weitere Informationen gibt es auf den Seiten des JRS: www.jesuitenmission.de

___

Oktober 2019

Tertiatsjahr, Zeit der Vorbereitung auf die Ewigprofess – dazu gehört auch die Erfahrung von Weltkirche, konkret ein mehrmonatiger Auslandaufenthalt.

Vor meinem biographischen Hintergrund und aufgrund meines Interesses lebe ich nun schon seit drei Wochen im Libanon. Da es hier keine CJ-Kommunität gibt, bin ich an eine Kommunität der Jesuiten angeschlossen. Konkret wohne ich in Taanayel auf der Bekaa-Ebene, in einem eher ländlich geprägten Gebiet.

Die Kommunität besteht aus sechs Jesuiten, die überwiegend aus arabischen Ländern kommen und verschiedene Aufgaben von der Liturgie über die Pastoral und Exerzitienarbeit bis hin zu Tätigkeiten in den Jesuitenschulen und der Hochschule der Jesuiten im Libanon reichen. Das Haus ist von einem großen Gelände umgeben, inklusive einer Landwirtschaft, aber auch einem Park, der zum Spazierengehen einlädt.

Eingesetzt bin ich für den Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS), der sich im Libanon – zusammen mit vielen weiteren Hilfsorganisationen – vor allem den vielen Flüchtlingen aus Syrien widmet. Im Nachbarort Bar Elias unterhält der JRS drei Schulen für syrische Kinder im Grundschulalter, konkret bis Klasse 6. Hinzu kommt ein Social Center, dessen Fokus auf der Bildung von Frauen liegt. Die Frauen haben dort die Möglichkeit, Kurse zur Alphabetisierung, zum Erlernen von praktischen Tätigkeiten als Schneiderin oder Friseurin bis hin zu Englischkenntnissen zu besuchen. Zugleich organisiert das Social Center Hausbesuche bei syrischen Flüchtlingen, die der psycho-sozialen Unterstützung dienen.

In meinen ersten Tagen konnte ich den Alltag in einer der Schulen kennenlernen, die im Zweischichtbetrieb – vormittags und nachmittags – arbeitet. Um den besonderen Bedürfnissen der Kinder in ihrer aktuellen Lebenssituation, aber auch ihren bisherigen Erfahrungen zu begegnen sowie zugleich die Lehrer*innen zu unterstützen, gibt es in jeder Schule eine*n Sozialarbeiter*in.

Durch die landesweiten Proteste im Libanon, die am 17. Oktober 2019 begonnen haben, müssen die Schulen und die weiteren Projekte von JRS im Libanon jedoch aktuell und bis auf weiteres geschlossen bleiben. Ein Fokus der Protestierenden liegt auf Straßenblockaden, so steht das öffentliche Leben derzeit quasi still. Manchmal kommt es anders als geplant…

Meine aktuelle Herausforderung besteht darin, mit dieser völlig unerwarteten Situation umzugehen, offen zu bleiben für den Anruf Gottes heute. Darin fühle ich mich auch durch den hiesigen Provinzial der Jesuiten ermutigt, der die Jesuiten und alle Partner in der Mission zu einem Prozess der Unterscheidung und zur Verfügbarkeit auffordert: Was möchte Gott uns durch diese Proteste sagen und wozu ruft ER uns genau darin? (Hier findet sich der Brief von P. Dany Younes SJ, allerdings nur auf Französisch.)

Zugleich hoffe ich natürlich, dass ich bald meinen eigentlichen Dienst für die syrischen Flüchtlinge aufnehmen kann. Trotz der Unruhen geht es mir aber gut, ich bin in Sicherheit und entdecke jeden Tag Neues.

An dieser Stelle werden weitere Berichte über meine Erfahrungen folgen.
 

Text und Fotos: Sr. Anna Schenck CJ