Ubi steterunt pedes eius

Ubi steterunt pedes eius

“Treten wir ein in Seine Zelte, beten wir an an jenem Ort, wo seine Füße gestanden haben”, heißt es in Ps 132,7 (Vg.). Dieser Vers wurde im Mittelalter geradezu zu einer Chiffre für die Jerusalemsehnsucht, die nicht wenige Ritter
bewog, ihrem König Christus ins Heilige Land zu folgen. Ich selbst habe diese Jerusalemsehnsucht im Sinne einer irdischen Pilgerfahrt eigentlich nie verspürt. In Santiago de Compostela war ich; in Rom auch; die dritte große Wallfahrt der Christenheit, Jerusalem, blieb lange Zeit offen. Zu fremd war das Land, zu wirr die politische Situation, als dass ich mich dorthin gezogen gefühlt hätte. Das, obwohl der Heilige Ignatius, mein Namenspatron und unser geistlicher Vater, sehr viel von dieser Jerusalemsehnsucht verspürt und gelebt hat. Wäre im Jahre 1537 ein Schiff von Venedig nach Jerusalem gefahren, hätte die Welt vermutlich nie eine Gesellschaft Jesu gesehen, denn Ignatius, Franz Xaver, Peter Faber und ihre Gefährten hätten sich nach dem Heiligen Land eingeschifft und nicht dem Papst zur Verfügung gestellt. 

Manchmal wird eine Sehnsucht erst wach, wenn sie schon erfüllt wird. Bei mir war das so, als mich mein Orden, die Congregatio Jesu, zur Vorbereitung auf die letzten Gelübde in diesem April für sechs Monate ins Heilige Land schickte. Als ich zum ersten Mal in Jerusalem die Heiligen Stätten besuchte, konnte ich gar nicht fassen, dass dort überall Jesus gewesen sein kann. Hier in diesem Land haben Seine Füße gestanden; dieses Land hat Seine Stimme gehört, Sein Weinen am Ölberg und Seinen Schrei am Kreuz. In diesem Land hat vor knapp 2000 Jahren eine einzigartige Nacht jene Stunde verborgen, in der Er von den Toten erstand. Wenn ich mir das bewusst mache, muss ich an den Ausspruch eines mit mir befreundeten Priesters denken: „Wenn man sich in der Heiligen Messe wirklich bewusst wäre, wen man da nach der Wandlung in seinen Händen hält, dann müsste man es sofort sein lassen.“ Es wäre mehr, als ein Mensch ertragen kann. So empfinde ich das Heilige Land: hier zu sein und sich jede Sekunde bewusst zu machen, dass vielleicht gerade hier, wo ich jetzt im Augenblick gehe, Jesus gegangen ist, wäre mehr, als ich ertragen könnte. Der Besuch der heiligen Stätten freilich erfüllte schon Ignatius „mit einer Freude, die nicht natürlich ist“. So auch mich.

Dieses Land wird immer etwas Besonderes bleiben, aus dem schlichten Grund, dass es das Land Jesu ist. Die Alltagserfahrung hier ist freilich selten von der Heiligkeit des Landes geprägt. Jesus könnte hier heute nicht mehr so frei umherziehen, wie er das zu seiner Zeit getan hat. Das Land ist politisch und religiös gesehen zerrissen, verwundet. Diese Wunden zeigen sich auch ganz praktisch auf der Landkarte. Israel und Palästina sind durch eine hohe Mauer getrennt. Wohin auch das Auge blicket, Draht und Mauern nur ringsum. Würde Jesus heute hier wandern, er müsste den richtigen Pass haben. Ich stelle mir vor, wie er durch den Checkpoint geht. Irgendwie ist das eine seltsame Vorstellung, die zeigt, wie absurd im Grunde diese Zerstückelung und Zertrennung des Landes ist. Bethlehem etwa ist nur acht Kilometer von Jerusalem entfernt. Aber nicht jedem steht es offen, diesen Weg zu  beschreiten. Manche meiner Arbeitskollegen hier waren noch nie in Jerusalem und dürfen da auch nicht hin. Wenn ein Kind aus dem Caritas Baby Hospital, wo ich arbeite, in Jerusalem operiert werden muss, brauchen Mutter und Kind erst eine Erlaubnis, die Grenze zu passieren. Wenn sie die haben, fährt die palästinensische Ambulanz bis zum Checkpoint, dann muss die Mutter mit dem kranken Kind auf dem Arm zu Fuß durch den Checkpoint gehen,  erst dann wird sie auf der anderen Seite von der israelischen Ambulanz in das entsprechende Krankenhaus gefahren. Das geschieht so Sommers wie Winters, bei Hitze und Kälte, Regen und Schnee. Zurück die gleiche Prozedur mit dem frisch operierten Kind. Und was tun, wenn ein Kind so dringend operiert werden muss, dass keine Zeit mehr ist, die Erlaubnis zu beantragen? Einmal sind die Ärzte des Caritas Baby Hospitals einfach zum Checkpoint gegangen und haben zu den Soldaten gesagt: „Wollen Sie, dass dieses Kind hier vor Ihren Augen stirbt, oder lassen Sie uns durch?“ Sie wurden durchgelassen. Die Operation vollziehen in diesem und in anderen Fällen die israelischen Ärzte kostenlos. Es gibt Barmherzigkeit, auf beiden Seiten der Mauer. Aber eben auch Angst, Gewalt und Vorurteile. Es ist keine Mauer zwischen dem Staat Israel und den Terroristen, wie gern behauptet wird. Es ist eine Mauer zwischen guten und guten und bösen und bösen Menschen. Es ist eine Mauer zwischen Familienvätern und ihrem Arbeitsplatz, zwischen Kindern und der Schule, die sie besuchen, zwischen Kindern und den Krankenhäusern, in denen ihnen geholfen werden kann. Nicht zuletzt ist es auch eine Mauer zwischen Christen und Christen. Während in Bethlehem zum Herz Jesu Fest eine eucharistische Prozession abgehalten wird, ganz ähnlich wie an Fronleichnam in den katholischen Gebieten Deutschlands, suggeriert die Propaganda des Staates Israel nicht ohne Erfolg, hinter der Mauer dominierte Islamismus und Terror. Von den palästinensischen Christen, die zu Ostern trotz Erlaubnis nicht durch den Checkpoint gelassen wurden, um in Jerusalem mit ihren Glaubensgeschwistern an den Heiligen Orten zu feiern, erfährt die Welt dagegen nichts.

Die West Bank ist in viele kleine Parzellen zerstückelt, weil es in der palästinensischen „Autonomie“ überall israelische Siedlungen gibt. Das Land ist mit Mauern, Zäunen und Checkpoint übersät und verliert so für alle seine
Schönheit und seinen Nutzen. Jedes Grundstück kann von Seiten israelischer Siedler jederzeit willkürlich besetzt werden. Das ist auch in Israel von vielen Leuten nicht gern gesehen, wird aber faktisch doch nicht unterbunden.
Kürzlich las ich folgende Kritik in einem Artikel in der israelischen Tageszeitung Haaretz: „Es versteht sich von selbst, dass – wie eine Person nicht einfach ein Gebäude auf einem Grundstück errichten kann, das ihr nicht
gehört – ein Land keine Siedlungen außerhalb seiner Grenzen errichten kann. Und doch hat Israel Hunderttausende seiner Einwohner in Gegenden angesiedelt, die, entsprechend den israelischen Gesetzen, nicht Teil des Staates
Israel sind.“ (Sefi Rachlevsky, Fr. 11 Juni) Das ist so, und alle wissen es. Was ist der Unterschied zwischen dem Reich Gottes und dem Staat Israel? Bild für das Reich Gottes ist es, dass sich jemand schlafen legt, und am nächsten Tag – er weiß nicht wie – auf seinem Land das Korn aufgesprossen ist. Bild für den Staat Israel mit seiner jetzigen Politik ist es, dass jemand sich schlafen legt und am nächsten Tag – er weiß nicht wie – auf seinem Land eine jüdische Siedlung aufgesprossen ist. Land weg, Pech gehabt. Ein Pech, das Landfremde ebenso haben können wie Palästinenser und Christen ebenso wie Muslime.

Als ich hierher kam, habe ich versucht, alle Seiten wahrzunehmen und einigermaßen neutral zu bleiben. Nach und nach habe ich gemerkt, dass das nicht geht. Alle Seiten wahrzunehmen versuche ich zwar noch immer, aber
gegenüber Unrecht gibt es für einen Christen keine Neutralität. Ich ergreife nicht Partei für Israel, und ich ergreife nicht Partei für die Palästinenser. Aber ich ergreife Partei für diejenigen, denen Unrecht geschieht, und diese
Entscheidung stellt mich in diesem Land meist (wenn auch nicht grundsätzlich und nicht immer) an die Seite der Palästinenser, insbesondere der arabischen Christen. Sie stellt mich auch immer wieder gegen die deutsche Politik und die deutschen Medien. Denn der Holocaust ist weder für Israel ein Blankoscheck für neue Gewalt, noch für Deutschland zum Schweigen zu dieser Gewalt oder zur indirekten Beteiligung durch Lieferung und Finanzierung von Waffen. Und ich frage mich, ob es nicht ein Schweigen der Scham ist, einer Scham, die damit zu tun hat, dass der Judenstaat 1948 auf Kosten Dritter (der Palästinenser) errichtet worden ist, nicht etwa im besiegten  Nazideutschland, wo ein Zusammenhang zwischen Schuld und Sühne immerhin plausibel gewesen wäre. Und ich frage mich weiter, ob wir nicht der Schuld unserer Väter und Mütter anstelle des Landes, anstelle einer Heimat für die verfolgten Juden in Europa, etwas viel Größeres geopfert haben: unsere Gewissensfreiheit. So möchte ich meinen Landsleuten (auch in der Partei mit dem großen „C“ vorne, zu deren Wählern ich durchaus gehöre) sagen: Entschuldigen Sie, ich bin Christ – ich will mein Gewissen behalten! Es führt mich an die Seite eines gekreuzigten Juden, der von den Toten erstand, um uns den Frieden zu bringen.