Der Weg ist das Ziel? Unterwegs auf dem Camino Ignaciano

Der Weg ist das Ziel?

Unterwegs auf dem Camino Ignaciano – Teil 2

Ist der Weg wirklich das Ziel? Das habe ich mich auf den ersten Etappen meines diesjährigen Pilgerweges auf dem Camino Ignaciano gefragt. Ja, es sind die Erfahrungen unterwegs, die den Weg kostbar machen: Das Gehen, die Stille, die Natur, die Begegnungen, das Aufgenommen-Werden,… Und doch verliert dieser Weg seinen Sinn ohne das Ankommen an dem Ziel, zu dem er führt. Und in diesem Jahr wollte ich ankommen! Ankommen zu Fuß in Manresa (und dann auch in Barcelona). Davor aber lagen noch ca. 300 (bzw. 400) km.

Durch die Monegros und ins Tal

Los ging es mit den drei Etappen durch die gefürchteten Monegros, die Halbwüste Spaniens: Sonne, Schatten nur alle paar Stunden hinter einer Ruine o.ä., kein Wasser, menschliche Ansiedlungen mehr oder weniger im Abstand von Tagesreisen. Und doch habe ich diese Etappen genossen: Gerade der Hektik und dem Vielerlei des Alltags und der Arbeit entkommen, trotz Streik und technischen Defekten schließlich in Spanien gelandet, den Rummel des Hauptbahnhofs der Millionenstadt Barcelona mit dem für mich als Nicht-Spanierin undurchschaubaren, komplexen System verschiedener Eisenbahn-Unternehmen bestanden, habe ich nach den ersten Schritten hinein in die dürre Stille der Monegros aufgeatmet.

Hier wird der Mensch mit all seinem Tun klein – außer dort, wo mit riesigen Bewässerungsanlagen versucht wird, selbst in den Monegros noch Ackerbau zu betreiben. Und ich habe mich gefragt, was uns Menschen eigentlich dazu treibt, angesichts von Wasserknappheit in Spanien und gleichzeitigem Produktionsüberschuss in der europäischen Landwirtschaft, auch noch die Wüste zu bewässern, um dort sichtbar kärglichen Ertrag zu ernten?

Wirklich anstrengend wurde es mit dem Abstieg aus den Monegros ins Tal zwischen den beiden Städten Fraga und Lérida. Ja, es war heiß oben in den Monegros. Und doch hatte immer Wind geweht, der die Hitze nicht so spüren ließ (allerdings rächte es sich trotz stärkster Sonnencreme mit knallroter Farbe, dass ich am ersten Tag kurzärmelig unterwegs war…). Und nachts und morgens war es erfrischend kühl. Unten im Tal dagegen war ich schon morgens beim Aufbruch nassgeschwitzt.

Spuren der Geschichte im Heute

Ignatius folgte der Hauptverkehrsstraße seiner Zeit, dem Camino Real. Dieser Weg hat sich bis heute als Verkehrsverbindung bewährt – und so führen dort heute eine große Autobahn und die Nationalstraße entlang. Für den Pilger bedeutet dies: Viele Kilometer Asphalt auf wenig romantischer Strecke entlang der Schnellstraßen. Und auch Industriegebiete im Umkreis der Städte sind einfach nicht schön. Umso überraschender dann die letzten 10 km an den Rand der Großstadt Lérida: seit dem Mittelalter der „Garten Léridas“, ein großes Obstanbaugebiet.

Obstanbau begleitete mich dann auch auf den folgenden Etappen – und damit die Begegnung mit unzähligen afrikanischen Saisonarbeitern, die auf den Plantagen Pfirsiche, Äpfel, Nektarinen etc. pflücken. 12 bis 13 Stunden täglich, hat mir ein Algerier erzählt (35 bis 40 Grad hatte es in diesen Tagen). Manchmal kämen sie so spät abends aus den Plantagen zurück zu ihren Sammelbaracken, dass selbst in Spanien die Lebensmittelgeschäfte geschlossen seien. Keine 5 Euro Stundenlohn. Auch wenn wenig übrig bleibe angesichts der Lebenshaltungskosten in Europa, verdiene er wenigstens etwas mehr als zu Hause, hat er mir geantwortet auf die Frage, warum er das macht.

Die schwarzen Gesichter der Obstpflücker (viele aus dem Senegal) waren mir sehr präsent, als ich in Verdú in der Pilgerherberge im Geburtshaus des Heiligen Petrus Claver übernachtete – des „Sklaven der afrikanischen Sklaven“ im Cartagena des 16. Jhds. Die alten Gestalten des Pilgerweges, dem ich folgte, wurden mir an dieser Stelle sehr aktuell.

Zum Montserrat und nach Manresa

Nach einigen weiteren Tage noch einmal durch sehr trockenes und einsames Land hieß es im Pilgerführer beim Aufstieg auf eine Hügelkette: „Wir durchqueren eine Gegend mit vielen Bäumen“. An dieser Stelle habe ich gegrinst – ja, es gab mehr Bäume als zuvor, aber „Wald“ hätte ich als Deutsche das nun wirklich noch nicht genannt. Aber jenseits der Hügelkette war ich tatsächlich im weitgehend mit Pinienwäldern bewaldeten Hügelland Kataloniens angekommen, das mich nach der Durchquerung Igualadas schließlich hinaufführte auf den Montserrat, jenen eigentümlichen Berg, der in seinem Kloster auf halber Höhe, mitten in den Felsen, einen der wichtigsten Wallfahrtsorte Spaniens birgt – auch schon zur Zeit des Ignatius.

Die Anzahl der Hotels und Vergnügungsstätten an diesem Ort dürfte damals vielleicht noch geringer gewesen sein, aber sehr viel ruhiger war es wohl auch nicht. Nach einem Sturz hinkend wie Ignatius erreichte ich diesen Ort und erlebte großzügige Aufnahme in der dortigen Pilgerherberge.

Vom Montserrat aus ging es dann auf den Spuren des Ignatius und des alten Pilgerweges, der schon damals den Wallfahrtsort Montserrat mit dem Stadt Manresa verband, auf der letzten Etappe ans Ziel des Camino Ignaciano: Zur Cueva des Ignatius in Manresa. Wie Ignatius habe ich dort eine herzliche Aufnahme und Versorgung erfahren, Zeit zur physischen Erholung und inneren Reflexion.

Manresa – und weiter…

Und doch: Manresa ist nicht das Ziel. Es war nicht das Ziel des Ignatius, und es war auch nicht mein Ziel. In der Vorbereitung ursprünglich entstanden aus dem Eindruck, dass die Anzahl der noch fehlenden Etappen bis Manresa zu knapp ist, um wirklich in die äußere und innere Dynamik des Pilgerweges zu kommen, ist es mir immer wichtiger geworden, meinen Weg über Manresa hinaus weiterzuführen. Nach einem Pausentag in Manresa war – wie für Ignatius - Barcelona mein Ziel.

Den unglaublich beeindruckenden Weg durch den Nationalpark Sant Llorenç del Munt mit seinen Felsen hat Ignatius wohl kaum gewählt, aber auf dem weiteren Weg vielleicht dann schon den ebenfalls alten Pilgerweg der Mönche des Klosters Sant Llorenç, das auf dem höchsten Gipfel des Nationalparks liegt, zum Kloster Sant Cugat, dem damals bedeutendsten Kloster der Region. Dem heute gut markierten Weg bin auch ich gefolgt, bis ich hinter Sant Cugat del Vallès die letzte Hügelkette überquert habe und nach Barcelona hinabgestiegen bin.

Dort habe ich nicht das Schiff nach Jerusalem gesucht, sondern meinen Pilgerweg in der Basilika Santa Maria del Mar beendet – jener vom Volk selbst erbauten Basilika, in der Ignatius in einer späteren Lebensphase an der stets gleichen Stelle saß und bettelte. Eine Plakette an der entsprechenden Stufe und eine moderne Statue des Ignatius erinnern bis heute daran. Santa Maria del Mar war für mich so der symbolische Ort, an dem der äußere Pilgerweg hinüberführt in den Pilgerweg des Alltags, der Ort, an dem ich Abschied genommen habe vom äußeren Weg des Ignatius.

Unterwegs mit Ignatius

Unterwegs in seinen Spuren ist Ignatius für mich lebendig geworden als ein Mann, der zwar seinen ganz persönlichen Weg ging, aber doch nicht losgelöst vom Kontext und den Beziehungen seiner Zeit: Er folgte dem Camino Real, der Hauptverkehrsader seiner Zeit, auf der ihm unzählige Menschen begegnet sein dürften, u.a. auch die Jakobspilger. Sein Gewand ließ er wohl in Igualada fertigen, dem Zentrum der Textil- und Lederverarbeitung. Wie viele andere Pilger suchte er den Montserrat auf. Und sicher nicht zufällig wählte er für seine Ausweichroute Manresa: Jene Stadt, die damals Spiritualität aus allen Ritzen atmete und voller Eremiten und religiös Suchender war.

Ignatius ließ sich dort aufnehmen, versorgen und beschenken – eine Erfahrung, die ganz zentral auch zu meinem Pilgerweg gehört. Vielleicht noch einmal besonders zum Abschnitt zwischen Manresa und Barcelona, der kein offizieller Pilgerweg war, also keinerlei entsprechende Infrastruktur hatte. Es gab keine Nacht, in der ich kein Dach über dem Kopf hatte; ich habe keinen Hunger gelitten – und immer wieder bin ich es gewesen, die beschenkt wurde: mit einem Apfel, landestypischen Keksen, einer Karte, einem Kreuz,… Der Weg ist für mich verbunden mit den Gesichtern von Menschen, die mich aufgenommen haben. Mit den Gesichtern der Menschen, die mich angesprochen, mir den Weg gewiesen, ein paar Gedanken mit mir ausgetauscht haben. Und mit den Gesichtern jener Menschen, die von Deutschland aus meinen Weg in Gedanken und im Gebet begleitet haben. So bin auch ich meinen persönlichen Weg gegangen – und bin ihn doch nicht allein gegangen, sondern eingebunden und getragen von vielen Menschen in Deutschland und Spanien.

Dankbarkeit

„Um innere Erkenntnis von soviel empfangenem Guten bitten, damit ich, indem ich es gänzlich anerkenne, in allem seine göttliche Majestät lieben und ihr dienen kann.“ – dieser Satz aus der Betrachtung zur Erlangung der Liebe im Exerzitienbuch steht über dem Pilgerzertifikat, das bei der Ankunft in Manresa überreicht wird. Er beschreibt die Erfahrung des Weges vielleicht am besten…
 

Anmerkung:
Wer Interesse hat, sich selbst auf den Camino Ignaciano zu machen, findet weiterführendes Material auf der (auch deutschsprachigen) Homepage www.caminoignaciano.org
Gerne stelle ich auch meine Erfahrungen, Hinweise, Packliste, Unterkunftsinfos etc. zur Verfügung: srmagdalena [at] web.de (srmagdalena[at]web.de)

Text und Fotos: Sr. Magdalena Winghofer CJ

Lesetipp: Den Bericht vopn Sr. Magdalena zum ersten Abschnitt des Weges finden Sie hier.