Noviziats-Experiment: Pilgern auf dem St. Hilda-Weg

CJ-Noviziats-Experiment: Pilgern auf dem St. Hilda-Weg

Sr. Leona und Sr. Lucia, zwei Novizinnen der englischen und slowakischen Provinz der Congregatio Jesu, haben gemeinsam ihr Pilger-Experiment unternommen. Hier berichtet Sr. Leona von ihren Eindrücken unterwegs.

Im Herzen bin ich eine echte Großstädterin aus dem Zentrum von Toronto. Ich bin nicht mit Wanderungen oder Campingtouren groß geworden und ich hätte es mir niemals träumen lassen, dass ich jemals den St. Hilda-Pilgerweg im Norden Englands gehen würde. Aber im Juni habe ich genau das getan. Da ich so etwas noch nie zuvor gemacht hatte, war mir klar, dass dieses Experiment ein echter Test meiner körperlichen und spirituellen Ausdauer sein würde. Ich musste einige Hindernisse aus dem Weg räumen und Hürden überwinden um dieses – zumindest für mich – ganz unwahrscheinliche Abenteuer bestehen zu können. Zum einen musste ich lernen, eine Wanderkarte zu lesen, um in Englands eiskaltem und regnerischem Wetter (ja, sogar im Juni kann es hier so sein) ans Ziel zu gelangen. Zum anderen konnte ich mich mit Lucia gemeinsam auf den Weg machen. Lucia ist ebenfalls eine Novizin der Congregatio Jesu. Sie kommt aus der Slowakei und lernt gerade Englisch. Allerdings kannten wir uns noch nicht sehr lange, bevor wir gemeinsam aufbrachen.

Bevor wir losgingen, hatten wir beide so sorgfältig wie möglich geplant, alles vorbereitet und gepackt. Mein einziges Gebet war, dass wir den Elementen trotzen würden, nicht verloren gehen sollten, nicht umgebracht wurden und uns auch nicht gegenseitig umbringen wollen würden. Doch im Ernst, ich wusste, dass es uns gut ergehen würde, nicht aufgrund unserer eigenen Stärke, sondern weil Gott mit uns unterwegs war… um uns zu führen, zu testen und zu lehren – und genau das passierte dann auch. Tatsächlich wurde ich auf unserem Pilgerweg mit zahlreichen Ganden geradezu durchnässt. In diesem Rückblick möchte ich allerdings nur von einer dieser Gnadengaben berichten: Von der Gefährtinnenschaft.

Ich bin so dankbar, dass ich diese Erfahrung gemeinsam mit einer solch schönen, gutartigen, bescheidenen und heiligmäßigen Seele wie Lucia machen durfte. Es ist ein Rätsel, dass wir von verschiedenen Kontinenten (und kulturell verschiedenen Welten) stammen und trotzdem eine tief verwurzelte ‚Gleichheit‘ in uns spüren – die CJ. Gemeinsam fanden wir Gefallen daran, die Landschaft von Yorkshire zu entdecken (dabei trafen wir nur selten andere Pilgerinnen und Pilger, dafür aber viele Schafe und Rinder) und den Komfort von Bed&Breakfasts und britischer Küche zu genießen. Indem wir gemeinsam alleine unterwegs waren, lernten wir Gottes Wegesaufgaben für uns kennen. Zum Beispiel begann der erste Tag ganz wunderbar, aber nach der halben geplanten Strecke stießen wir auf ‚wildgewordene‘ Kühe, mussten einen komplett anderen Weg suchen und unsere wachsende Unsicherheit aushalten, als wir zuerst im Wald und dann in einem heftigen Regenschauer standen und die Brücke nicht fanden, die uns doch hätte über den Fluss bringen sollen – das Ganze mit völlig durchweichten Wanderschuhen. Aber zusammen fanden wir dann die Brücke und konnten hinübergehen.

Jeden Morgen waren wir von Unruhe erfüllt und von dem Gefühl, dass es weitergehen muss – mit all unserem Gepäck und den Tücken einer Pilgerwanderung auf einem nicht besonders gut ausgeschilderten Weg, der Befangenheit beim Englisch-Sprechen und den plötzlichen Adrenalin-Stößen, wenn wir wieder einmal auf ein Schild mit der Aufschrift „Bulle läuft frei herum“ stießen. Im einfach ständig Beisammensein empfand ich eine Gnade, bedeutete es doch, dass wir ständig füreinander da waren.

Da Lucia und ich beide eine besondere Wertschätzung für das Geschenk des gegenwärtigen Moments teilen, fanden wir ganz selbstverständlich unseren Rhythmus beim Gehen und Atmen und Genießen der spektakulären Aussichten, die sich uns auf dem Esk Valley Weg boten. Ich empfand es als besonders hilfreich, morgens die Psalmen zu beten und mit ihnen die die Pracht von Gottes Schöpfung einzutauchen. Indem wir besonders auf die Kleinigkeiten am Wegesrand achteten, kam es mir so vor, als würde jedes Blütenblatt und jeder Grashalm uns willkommen hieß und dabei mit ihrer Haltung und ihrer bloßen Existenz Gottes Herrlichkeit verkündeten.

Natürlich gab es Missverständnisse und Zeiten des Schweigens, aber wir fanden immer wieder zusammen, da wir so viel Freude teilten… Lucia hat das Talent, mich zum Lachen zu bringen, bis ich Tränen lache. Ich habe nie das Vertrauen darin verloren, dass Gottes Weisheit uns zusammengeführt hat und dass die CJ uns bewusst zusammen ausgesandt hatte. Getragen von einem Geist des gegenseitigen Wachstums und Respekts konnten wir unterwegs miteinander auch über unsere Unterschiede zu sprechen. Das hat unsere Freundschaft vertieft. Unterwegs fühlten wir uns getragen von Gottes Gnade und der Liebe und den Gebeten unserer Familien und Freunde in der ganzen Welt, die uns mit ihrem Gebet unterstützten.

In Whitby angekommen, durften wir noch einige Tage im Ferienhaus der CJ am Meer verbringen. Rückblickend konnten wir erkennen, wie Gottes Gnade liebevoll in uns gearbeitet hatte, damit wir uns selbst und uns gegenseitig in Dankbarkeit so annehmen konnten, wie wir sind. Wir hatten beide ein aufrichtiges Gefühl von Friede und Vollendung eines Wegs. Wir haben gelernt, unsere Unsicherheit und Angst zu überwinden, wir haben unseren Weg gefunden und die Brücken des Lebens überquert, weil wir einander hatten und aufeinander Acht gaben. Wir sind zusammen ausgesandt worden und wir haben es gemeinsam geschafft, weil Gott mit uns unterwegs war. Auch einige Tage nach dem Ende unseres Pilger-Experiments bin ich dankbar für diese unglaubliche Erfahrung und ich weiß, dass ich mir keine bessere Weggefährtin und Freundin im Herrn für dieses Experiment hätte wünschen können… Danke Lucia.

Hinweis: Weitere Fotos finden Sie hier.

Text: Sr. Leona Fernandes CJ
Übersetzung: Esther Finis
Fotos: Sr. Leona und Sr. Lucia