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Erfahrungen aus einem Experiment in der JVA Stadlheim

"Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene, weil ich es dann am meisten brauche." Sr. Helena Erler CJ berichtet aus ihrem Experiment in der Gefängnisseelsorge.

München. Oben genannter Satz steht an der Tür meines Kollegen in der JVA Stadelheim, eines der größten Gefängnisse Deutschlands, in dem ich die letzten drei Monate in der Seelsorge mitarbeiten durfte. Und ich finde, dieser Satz beschreibt die Arbeit der Seelsorger im Justizvollzug gut. In einem System, in dem sich – zu Recht – alles um Schuld, Sühne und Bestrafung dreht und in dem es oft nicht sehr menschenfreundlich zugeht, die Menschen im Blick zu behalten. Sie mit ihren Lebensgeschichten und all ihren Zerbrochenheiten zu sehen und von Barmherzigkeit, Hoffnung und Vergebung zu sprechen – besser noch, sie das spüren zu lassen.

Während dieser drei Monate durfte ich in der Tabor-WG in der Nähe von München mit leben: einer Wohngemeinschaft, die seit inzwischen 20 Jahren Raum bietet für Menschen, die aus der Haft oder der Therapie entlassen werden und neu anfangen wollen, ohne Alkohol, Drogen und Straftaten. Aber auch Menschen aus anderen sozialen Notlagen finden hier einen Platz, genauso wie Menschen, die einfach aus ihrem Glauben heraus an diesem Ort mit leben wollen.

Zurzeit leben 19 Menschen auf dem Berg, im Schatten der kleinen Wallfahrtskirche Maria Altenburg, inmitten von Wald und Wiesen, mit wunderschönem Blick auf die Alpen. Die jüngste Mitbewohnerin ist 3 Jahre, der älteste 86. Es ist eine bunte Mischung aus WG, Familie, Glaubensgemeinschaft, die einen hier erwartet. Mit allem was dazu gehört… vom Streit, wer die Küche wieder nicht geputzt hat, über die großzügigen gegenseitigen Bring-und Holdienste zur nächsten S-Bahn-Station oder dem gemeinsamen Nachmittagskaffeeausflug in die Berge, bis zum abendlichen Gebet in der Hauskapelle.

Irgendwie ganz normal und trotzdem besonders, wenn man ein Stück von den Lebensgeschichten der Menschen hier weiß. Die erzählen sie immer wieder, vor Firmlingen oder in Gottesdiensten. Zum Beispiel, um den jungen Menschen aus dem eigenen Erleben heraus zu erzählen, dass Drogen kein Spaß sind, sondern die Rutschbahn nach ganz unten; dass in jedem Verbrecher auch ein Mensch steckt, oft mit einer sehr leidvollen eigenen Geschichte, ein Mensch, der nach der Haft eine Chance braucht, eine Hand, die ihm entgegen gestreckt wird, um wieder Teil der Gesellschaft werden zu können; und sie erzählen von Hoffnung und Umkehr, die durch den Glauben an Gott möglich wurde.

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