An den Grenzen wachsen

Bild: Manfred Antranias Zimmer/Pixabay

 

Der Kanonenkugel-Moment wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt im Leben des heiligen Ignatius von Loyola. Doch es hätte diesen Moment nicht gegeben, wenn Ignatius nicht buchstäblich an die Grenze – nach Pamplona – gegangen wäre.
Ich glaube, die Beziehung zwischen ignatianischer Spiritualität und den Grenzen folgt einer einfachen Logik: Der heilige Ignatius sehnte sich danach, Christus, unserem Herrn, zu folgen und ihm zu dienen. Auch wir sehnen
uns danach, Christus zu folgen und ihm zu dienen, inspiriert vom heiligen Ignatius. Um Jesus zu folgen und ihm zu dienen, müssen wir, wollen wir und sehnen uns danach, Jesus zu kennen.

Jesus ist oft an den Grenzen zu finden

Um Jesus persönlich und tief kennenzulernen, gehen wir an die Grenzen.
Ich bin Tschechin. Jedes Mal, wenn jemand über „Ostdeutschland“ sprach, erstarrte ich innerlich. Ostdeutschland bedeutet Osten, und wir liegen noch weiter östlich. Ich empfand das als ungerecht! Ich dachte, ich würde in einer
Welt der Freiheit aufwachsen, doch es schien, als würde ich für immer von einer Mauer definiert sein, die fiel, bevor ich sprechen konnte.
„Schwester, bist du eine Ausländerin?“, fragen mich Kinder lächelnd auf dem Heimweg von der Schule. Zurzeit studiere ich in Manila auf den Philippinen. „Ja, das bin ich“, lächle ich zurück. So sehr ich mich einfügen möchte – ich sehe hier fremd aus. Und doch ist es in diesem katholisch geprägten Land erstaunlich leicht, eine Schwester zu sein.In Prag hingegen fragt mich eine Frau zögernd: „Entschuldigen Sie, sind Sie eine ... Nonne?“ Sie ringt um ein Wort, das ihr fremd ist. Ich bin hier keine Fremde, doch spüre ich eine greifbare Grenze, einen Graben zwischen uns, gewachsen über fast 100 Jahre. „Ja, das bin ich“, antworte ich.

Ja, es gibt Grenzen

Im Herzen der ignatianischen Spiritualität gibt es lebensspendende und kreative Spannungen. Daher ist es vielleicht keine Überraschung, dass ein Schlüssel zu den Grenzen der ignatianischen Spiritualität bei denen liegt, die nicht sehr weit gegangen sind – etwa beim heiligen Pförtner, dem seligen Francisco Gárate SJ.
Ein Pförtner ist jemand, der an der Grenze bleibt. Er versteckt sich nicht drinnen und läuft nicht davon. Er hält Türen offen. „Öffnet die Türen der Kirche“, lud uns Papst Franziskus immer wieder ein.
„Ich tue mein Bestes, den Rest erledigt der Herr, der alles kann“, sagte Francisco Gárate SJ. Ähnlich formulierte es Mary Ward, die Gründerin der Congregatio Jesu, die in ihrem Leben viele Grenzen erlebte: „Gib dein Bestes,
und Gott wird helfen.“

Geh an deine eigenen Grenzen: Gib dein Bestes

„Bis morgen, Schwester!“, rufen die Kinder. Ich lächle zurück, dankbar und demütig für das, was sie mich lehren. Ja, es gibt Grenzen, und es gibt Türen, die wir offenhalten können. Und es gibt ein Morgen, eine Zukunft, in der wir einanderweniger fremd und mehr Brüder und Schwestern sein können: „einander in Wahrheit begegnen“, wie es im Schreiben von Papst Leo XIV. an die Gesellschaft Jesu vom 24. Oktober 2025 heißt.
Die ignatianische Spiritualität lädt uns ein, die Realität zu sehen, zu unterscheiden und aus uns selbst herauszugehen, zu begegnen, unser Bestes zu geben – mit Dankbarkeit, Demut und Hoffnung, um unserem Herrn besser zu folgen, ihn nachzuahmen und zu dienen.
In einem Schlüsseldokument ignatianischer Spiritualität, dem Dekret 4 der 32. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu (1975), heißt es: „Das uns anvertraute Evangelium ist die frohe Botschaft des Heils für den Menschen und die gesamte Gesellschaft, die hier und jetzt beginnen muss, um sich auf der Erde zu manifestieren, selbst wenn die Befreiung der Menschheit in all ihrer Fülle nur jenseits der Grenzen dieses Lebens erreicht wird.“
Papst Leo fordert uns auf: „Keine Grenze wird außerhalb eurer Reichweite sein, wenn ihr mit Christus geht.“ Unser Herr kann alles tun, unser Herr wird helfen.


Abschließend widme ich diesen Text Sr. Johanna Schulenburg CJ, meiner Novizenmeisterin. Acht Jahre lang war sie eine einladende Pförtnerin an der Schwelle des Ordenslebens. Im Mai 2026 begann sie ihren Dienst als Provinzialin der Mitteleuropäischen Provinz der Congregatio Jesu. Während meines Noviziats ertrug Schwester Johanna mutig meinen Eifer, Grenzen herauszufordern. „Zuerst muss man Grenzen kennen, bei ihnen bleiben und manche auch akzeptieren“, sagte sie oft. In der ignatianischen Spiritualität gehen wir nie allein an die Grenzen. Gott schenkt uns Gefährten. Danke.

 

 Sr. Kamila Josefina Trojanová CJ legte 2024 ihre ersten Gelübde ab. Derzeit studiert sie an der von Jesuiten betriebenen Loyola School of Theology an der Ateneo University in Manila, Philippinen. Kamila stammt aus Prag.

 

Dieser Text ist zunächst im Magazin Jesuiten - An den Grenzen erschienen.