Friedenswallfahrt 2026 im Südsudan

 

 

Wir haben es wieder getan. Was eine verrückte Idee zum Besuch des Papstes 2023 in Juba war, ist inzwischen zur Tradition geworden – Pilgern für den Frieden. Etwas, das im Südsudan immer noch undenkbar scheint: einfach so von A nach B zu laufen, wo wir doch immer wieder von Überfällen und Gewalt hören. Überhaupt laufen – das ist hier nur etwas für die Armen; jeder, der irgendwie die Möglichkeit hat, nutzt ein Transportmittel, und wenn es nur das Dach des ohnehin schon überladenen Lkws ist. Wenn da eine große Gruppe junger Menschen zusammen mit ein paar Priestern und Schwestern angelaufen kommt, die Autos im Schritttempo hinterher, dann sorgt das für Aufsehen und große Fragezeichen in den Gesichtern. Aber unsere jungen Pilger sind großartig – sie winken, lachen und erklären geduldig, warum wir tun, was wir tun. Laufen für den Frieden.

Wir gehen. Trotzdem oder gerade deswegen

Dieses Jahr führt unser Weg durch den nordwestlichen Teil unserer Diözese. Eine Gegend, die von wechselseitigen Viehdiebstählen, Überfällen und Rachemorden geplagt ist, so stark, dass der Gouverneur letztes Jahr den Ausnahmezustand ausrufen ließ. Wir gehen trotzdem oder gerade deswegen.

Unsere Friedenswallfahrt wird von den jungen Menschen selbst geleitet und organisiert, angeleitet und begleitet durch die Diözesanjugendseelsorger und Schwester Orla. Dieses Jahr war neben den üblichen zwei Exerzitienwochen ein Peace-Building-Training mit Pax Christi Teil der Vorbereitung. Und schon am ersten Tag können wir sehen, wie notwendig und hilfreich das war. Wir halten immer wieder an unterwegs in den Dörfern und unsere jungen Gruppenleiter sprechen zu den Menschen, die neugierig zusammengelaufen kommen. Sie sprechen über ihre Sehnsucht nach Frieden, darüber, wie Gewalt ihre Zukunft zerstört und wie Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Die Menschen, besonders die Ältesten, sind gerührt und oft erstaunt über die Redegewandtheit und Leidenschaft der Sprecher, die ihre Kinder und Enkel sein könnten. Nur dass die meisten ihrer Kinder weder lesen noch schreiben können, wie sie selbst, und dass Mädchen schon mal gar nichts zu sagen haben in Gegenwart Älterer. Die jungen Frauen im Leitungsteam sind deshalb auch ziemlich aufgeregt, wenn sie dran sind, zu sprechen, aber sie meistern jedes ihrer Statements mit Bravour.

Das gemeinsame Gebet bündelt alle Angst, Sorge und die Sehnsucht nach Frieden

Als wir am dritten Tag im ersten Dorf Halt machen, hören wir die schockierende Nachricht. Nicht weit von hier wird gekämpft. Es geht mal wieder um Kühe, die die jungen Männer brauchen, um heiraten zu können. Wer nicht genug hat, raubt sie aus dem Nachbardorf. Am Abend hören wir, dass an diesem Tag 50 Menschen getötet und unzählige verletzt wurden. Für uns ist schnell klar, wir lassen uns davon nicht abschrecken, wir gehen nach Romic, wie geplant. Wir wollen wenigstens mit den Menschen dort beten und ihnen unsere Solidarität zeigen, wenn wir schon nicht dort übernachten können. Als wir eintreffen, kommen nur wenige Gemeindemitglieder zusammen. Die Angst ist zu groß. Aber dafür kommt der Bürgermeister und hört sich an, was wir zu sagen haben. Zwei junge Frauen sind an diesem Tag an der Reihe, ihre Statements zu geben, und wir realisieren, dass beide ausgerechnet aus den zwei Dörfern kommen, die gerade nebenan gegeneinander kämpfen. Ihre Reden lassen niemanden kalt. Der gemeinsam gebetete Rosenkranz am Ende bündelt alle Angst, Sorge und die Sehnsucht nach Frieden in ein einziges, aus tiefstem Herzen kommendes gemeinsames Gebet.

Am Nachmittag erreichen wir die Pfarrei, in der wir eigentlich erst für den nächsten Tag angemeldet waren. Aber Krisen machen Änderungen notwendig und die Menschen in Marial Lou empfangen uns so herzlich und vorbereitet, wie es auch einen Tag später getan hätten.

Am nächsten Tag führt unser Weg für viele Kilometer vorbei an verlassenen Dörfern. Die Grasdächer der Häuser fangen schon an, sich aufzulösen, und über allem liegt eine fast gespenstische Stille. Wir sehen überall reife, vertrocknete Kürbisse, die irgendwann mal jemand gepflanzt hat, aber die Gegend verlassen musste, bevor die Erntezeit kam. Wir sind alle betroffen von diesem Anblick. Jeder hier kennt die offiziellen Statistiken der NGOs über Binnenvertriebene im Südsudan. Die leeren Dörfer zu sehen macht das ganze Elend (be)greifbar. Später hören wir von einem Gemeindemitglied, dass im letzten Jahr 8000 Menschen aus dieser Gegend aufgrund der anhaltenden Gewalt geflüchtet sind.

Die Pfarrei dreht die Musik auf und die jungen Pilger beginnen zu tanzen

Die nächste Pfarrei empfängt uns schon einige Kilometer außerhalb ihres Dorfes mit einem ganz besonderen Ritual – über einen Bullen springen. Ursprünglich ist es eine Ehrerbietung für besonders hochgeschätzte Personen und ein Willkommens- und Reinigungsritual für Menschen, die nach langer Reise heimkommen. Alles Schlechte, das sie unterwegs gesehen und aufgenommen haben, geht in den Bullen über, in dem Moment, in dem man über ihn hinwegsteigt. Der Bulle wird dann geschlachtet, und das Fleisch an Bedürftige außerhalb der eigenen Dorfgemeinschaft gegeben. Aber in unserem Fall hat es noch eine andere Bedeutung, erklären uns die Gemeindeältesten später. Der Friede, den wir bringen, geht beim Übersteigen in den Bullen über und indem die Dorfgemeinschaft das Fleisch später gemeinsam verspeist, nimmt sie diesen Frieden ganz auf und verinnerlicht ihn.

Auch an diesem Abend feiern wir mit den Menschen dort Eucharistie und vereinen unsere Gebete um Frieden. Nachdem wir unsere allabendliche Reflektions- und Austauschrunde abgeschlossen haben, dreht die Pfarrei die Musik auf und unsere jungen Pilger, gerade noch müde vom langen Tag, beginnen zu tanzen, bis spät in die Nacht.

Auf unserer letzten Etappe schieben wir noch einen besonderen Halt für das Sakrament der Versöhnung ein. Das Motto unserer diesjährigen Friedenswallfahrt ist ja „Friede beginnt mit mir“ und Frieden braucht immer zuerst Versöhnung – mit mir selbst, mit dem Anderen, mit Gott. Viele unserer jungen Pilger nehmen das Angebot dankbar an und so gestärkt erreichen wir bald unser Ziel – die Pfarrei Warrap. Auch hier ist das Willkommen herzlich und warm. Zwei Kühe schmoren schon in den Töpfen und alles ist bereitet für uns. Neben all dem geschäftigen Auspacken, Duschen, Waschen breitet sich Dankbarkeit aus – für diese gemeinsame Woche mit unseren mehr als 170 jungen Pilgern und den 12 Priestern und Ordensmenschen; für die Gastfreundschaft der Menschen unterwegs und für die vier Pfarrer, die hier in dieser angespannten Situation mit den Menschen aushalten und die uns nachhaltig beeindruckt haben. Aber auch Wehmut kommt auf – morgen werden wir uns trennen und in unsere jeweiligen Pfarreien und Orte zurückkehren. Wir werden die geschwisterliche Verbundenheit der letzten Tage vermissen, das gemeinsame „durch dick und dünn“-Gehen, das gemeinsame Gebet, das gemeinsame Lachen trotz schwerer Herzen. Aber wir bleiben in Kontakt. WhatsApp macht es möglich. In den nächsten Tagen wird das Handy permanent brummen – Bilder, Gebete, Scherze fliegen hin und her. Das Wiedersehens-Treffen ist schon geplant. Wir alle wissen, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist. Friede braucht Zeit, um zu wachsen, und Gebet. Wir bleiben dran und sind nächstes Jahr ganz sicher zurück auf der Straße.

 

Text und Bilder: Sr. Helena Ehrler CJ