Rückblick auf die Erarbeitung eines neuen Firmkonzepts in Nürnberg

„Ein neuer Anfang“ statt „Ein feierlicher Abschied“

Ein persönlicher Rückblick auf die Erarbeitung eines neuen Firmkonzepts in Nürnberg

Die Firmung ist in der Katholischen Kirche eines der sieben Sakramente; sie zählt neben der Taufe und der Erstkommunion zu den so genannten „Einführungssakramenten“. Sie rundet die Zugehörigkeit zur Kirche sozusagen ab. Die Firmlinge bekräftigen dabei selbstbestimmt ihren Glauben und ihren Platz in der Gemeinschaft der katholischen Christen. 

Die Firmung ist in der pastoralen Praxis aber vielfach eher ein schwieriges Thema – von Gemeinden und Pastoralen Mitarbeitenden wird sie oft eher als „feierlicher Kirchenabschied“ junger Menschen erlebt. Daran ändert sich auch durch viel Mühe in einer ausführlichen Firmvorbereitung nur wenig: Haupt- und Ehrenamtliche sind frustriert von Jugendlichen, die die Firmvorbereitung absitzen, um nach der Firmfeier nicht wieder aufzutauchen.

In einer Großstadt wie Nürnberg, in der sich Christen in der Minderheit befinden, ist die Situation dabei wohl noch verschärft: Nur noch rund 20 Prozent der angeschriebenen Jugendlichen haben sich zuletzt für die Firmung gemeldet, in einigen Bereichen der Stadt noch deutlich weniger – in einer Pfarrei meldete sich zuletzt von 80 Eingeladenen kein einziger. Jugendliche, die sich in ihrer Klasse oder im Freundeskreis „outen“, dass sie sich für christlichen Glauben oder Kirche interessieren, müssen mit dummen Kommentaren bis hin zum Ausgeschlossen-Werden rechnen. Die Mehrheit der Jugendlichen hat in irgendeiner Form Migrationshintergrund – und wohl alle Jugendlichen werden in ihrem weiteren Leben noch öfter umziehen. Die Rede von „Heimatpfarrei“ wird in diesem Zusammenhang sehr fragwürdig. Und nicht zuletzt: Heute noch weniger als wohl jemals gibt es „die Jugendlichen“. Jugendliche sind genauso vielfältig wie Erwachsene und brauchen darum auch im Glauben und in der Firmpastoral eine Vielzahl von Wegen.

Die skizzierten Erfahrungen zusammen mit dem Wissen, dass in absehbarer Zeit die abnehmende Anzahl der pastoralen Mitarbeitenden eine Firmkatechese in gewohnter Weise in der Wohnsitzpfarrei unmöglich machen wird, hat fünf Gemeinde- und Pastoralreferent/innen in Nürnberg inspiriert, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern kreativ nach neuen Wegen zu suchen. Wegweisend war dabei die Erfahrung von stadtweiten gemeinsamen Firm-Tagen in den vergangenen beiden Jahren, bei denen erlebt wurde, dass gemeinsam, auf Stadtebene, mehr möglich ist: eine größere Vielfalt, mehr Differenzierung für die Jugendlichen – und ein Ernstnehmen von Charismen und Grenzen aller Mitarbeitenden.

Im September 2017 machten sich also fünf pastorale Mitarbeitende auf, etwas Neues zu suchen, das den Jugendlichen und den Mitarbeitenden in der heutigen Zeit in der Situation der Großstadt gerechter wird. Als Stadtjugendseelsorgerin durfte ich diesen intensiven Prozess moderieren und begleiten, fachlich unterstützt vom Referent für Gemeindekatechese im Erzbistum Bamberg. 

Jetzt, wo die erste Umsetzung startet, schaue ich staunend und dankbar auf den hinter uns liegenden Weg zurück – ein Weg, der von allen Beteiligten als „geisterfüllt“ erlebt wurde. Am Anfang stand der Abschied von allem Bisherigen – ein bewusster Abschied von mehr oder weniger bewussten illusorischen Erwartungen, die bisher Firmkatechese geprägt haben: Die Erwartung oder Hoffnung, Jugendliche auf diesem Weg in die Gemeinde integrieren zu können etwa. Der bewusste Abschied auch von Liebgewonnenem und Gewohntem setzte Kreativität und Energie frei. Im persönlichen Austausch über den eigenen Glauben, in der theologischen Reflexion des Firmsakramentes, in der immer neuen geistlichen Unterscheidung und auch in der realistischen Auseinandersetzung mit Strukturen, Rollen, Finanzen und Organisationsfragen wuchs etwas ganz Neues. 

Es wurde deutlich, dass in einer Leistungsgesellschaft die bedingungslose Zusage Gottes zum Einzelnen, das Geschenk, das nicht erarbeitet werden muss, das zentrale Moment des Sakramentes ausmacht. Dem widerspricht eine Firmkatechese, die von Jugendlichen als Bedingung für den Empfang des Sakramentes erlebt wird (im krassesten Fall: Firmpässe, in denen Unterschriften für Gottesdienste und Aktionen zu sammeln sind o.ä.). Unserem Team wurde es wichtig, dem Heiligen Geist etwas zuzutrauen – und in diesem Vertrauen die jungen Menschen freizulassen, bewusst auf jeden Versuch, sie an Kirche etc. zu binden, zu verzichten. Gott wirkt in ihnen – und was daraus wird, können wir getrost ihm überlassen. 

In Nürnberg steht daher in Zukunft das Prinzip "Gott handelt zuerst – und er handelt gratis“ im Mittelpunkt. Nach nur drei Treffen im Vorfeld erleben die jungen Menschen die Feier der Firmung. Doch mit dem Firmgottesdienst und der Spendung des Sakraments ist der Firmweg für die Jugendliche noch nicht vorbei – ohne dass sie zum Weitergehen gezwungen werden könnten. Vielmehr bekommen sie über sieben Monate hinweg Vertiefungsangebote, die Spuren legen sollen, wie ein Leben aus dem Heiligen Geist heraus aussehen kann. Dazu gibt es eine breite Palette verschiedener Angebote, die den Charismen der Haupt- und Ehrenamtlichen entsprechen oder durch andere Akteure der Jugendarbeit eingebracht werden. Die Angebote sind derzeit in der Entwicklung, geplant sind zum Beispiel „Karate zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes", Musikworkshops oder Themenabende zu philosophischen und theologischen Fragen. Auch das Mitleben in der Mitlebe-Kommunität Mamre der Congregatio Jesu in Nürnberg wird den Jugendlichen angeboten. Am Ende dieser Vertiefungsphase steht ein gemeinsames Abschlussfest. 

Anstelle von jahrgangsweiser Firmung und der Bindung an die Wohnsitzpfarrei wählen die Jugendlichen in Zukunft selbst, in welchem Jahr zwischen dem Erreichen der Religionsmündigkeit (14 Jahre) und der Volljährigkeit die Firmung für sie passend ist. Und sie wählen, an welchem der fünf Orte, in denen im jeweiligen Jahr die Firmung gespendet wird, sie gefirmt werden wollen. So wird der Erfahrung Rechnung getragen, dass die Wohnsitzpfarrei in aller Regel für Jugendliche keine „Heimat“-Pfarrei ist – und es vielmehr um die Erfahrung und Kompetenz geht, sich in der weltweiten katholischen Kirche immer neu verorten zu können.

Dass unsere Reflexionen einen Nerv der Zeit in der deutschen Kirche getroffen haben, zeigt sich daran, dass das Konzept bundesweit Aufmerksamkeit und Nachfrage erfahren hat. Immer wieder gibt es allerdings auch fragende Stimmen, ob das denn funktionieren kann? Darauf ist zu sagen: Wir wissen es nicht. Oder, mit den Worten eines Kollegen formuliert: „Vielleicht scheitern wir. Aber wenn wir scheitern, dann mit Lust! Denn der Prozess war es wert!“
 

Hinweis: Das Nürnberger Team stellt sein Konzept (Stand: Januar 2019) als Arbeitshilfe im PDF-Format zum Download zur Verfügung.

Mehr über das neue Firmkonzept in Nürnberg können Sie auch bei www.katholisch.de nachlesen.

Text: Sr. Magdalena Winghofer CJ
Fotos:  Hendrik Steffens
Plakatgestaltung: Daniel Knoth