Vom Bundestag ins Ordensleben

Ihr erstes Berufungserlebnis hatte Schwester Salome Fränzle, als Russland 2014 die ukrainische Halbinsel Krim angriff. Dabei ging es jedoch nicht um ein Leben als Ordensfrau: „Wegen des Nichthandelns der internationalen Gemeinschaft habe ich in meiner jugendlichen Naivität beschlossen, in die Politik zu gehen – die ist der erste Teil meiner Berufung, da bin ich mir sicher“, erinnert sich die 28-Jährige. Der zweite Teil – der Entschluss zum Ordensleben – kam erst viel später.
Glaubensfragen: eine Heimat im Katholizismus
Schwester Salome wuchs als Lea Fränzle in Leipzig auf. Sie war zwar katholisch getauft, in die Kirche ging sie als Kind aber hauptsächlich, um Freundinnen zu treffen. Nach der Erstkommunion entschied sie sich für den Dienst als Ministrantin, später engagierte sie sich in der Pfarrjugend. „Das war eher sozial als fromm begründet“, gibt sie zu. Erst nach einer Taizé-Fahrt begann sie, über ihren Glauben nachzudenken. Heute prägen ihn vor allem die Eucharistiefeier und die Realpräsenz Jesu in der Hostie: „Dieser Eindruck, dass der Herr gerade wirklich da ist und ihm so nah zu sein wie sonst nie – das ist für meinen Glauben unheimlich wichtig.“
Ein Leben für Familie und Politik?
Ihr Leben hatte sich Fränzle eigentlich so vorgestellt: einen Job als Ingenieurin, die Politik, einen Ehemann und vielleicht Kinder. Nach dem Abitur zog sie von Leipzig in das ebenfalls sächsische Freiberg. Sie studierte Umweltingenieurwesen, setzte ihre erste Berufung erst bei der Grünen Jugend und später in der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ um. Dort beschäftigte sie sich insbesondere mit dem Klimaschutz und der Energiewende.
Schnell wurde sie Kreisrätin und kandidierte 2021 sogar für den Bundestag. „Aber das war eher zum Spaß, ich habe mir extra einen schlechten Listenplatz ausgesucht“, gibt sie lachend zu. Trotzdem landete sie später im Bundestag – nicht als Abgeordnete, aber als wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Zwischen Berufungserlebnis und Zweifel
Während ihr Leben nach Plan lief, kamen innerlich Zweifel an ihrem Entwurf auf. Im Gottesdienst erlebte Fränzle einen Moment, der alles veränderte: „Mir war plötzlich sehr klar, dass ich, wenn Gott es verlangt, meine ganze Planung mit meinem Beruf, der Politik, meiner damaligen Beziehung und Kindern aufgeben würde.“ Überfordert von dem Gedanken traf sie sich mit einem befreundeten Dominikanerbruder. Rückblickend sei es eines der skurrilsten Gespräche ihres Lebens gewesen; wie eine Krisenintervention habe es sich angefühlt. Am Ende schien wahrscheinlich: Was sie erlebt hat, war eine Berufungserfahrung. Trotzdem riet ihr Bekannter, erst einmal ihr Studium zu beenden und so weiterzumachen wie bisher.
Danach kam der Gedanke an ein Ordensleben immer wieder. „Jedes Mal hat es sich angefühlt, als würde ich meinen Freund betrügen“, gibt sie zu. Sie entschied sich im Studium für ein Freiwilliges Ordensjahr bei einem Franziskanerinnenkonvent in Wien – um sich zu beweisen, dass ein Ordensleben nicht zu ihr passe. Das klappte: „Ich war mir noch nie so sicher, dass ich heiraten würde, wie zu dieser Zeit“, sagt Schwester Salome und lacht.
Als sie nach dem Studium ein Stellenangebot erhielt und umziehen sollte, spürte sie jedoch den Drang zu einer Entscheidung: „Ich konnte nichts tun, was mein Leben auf Jahre hinaus definiert hätte, bevor ich mir die Ordensfrage nicht richtig gestellt hatte.“ Sie trennte sich, blieb in Freiberg und begann, verschiedene Ordensgemeinschaften zu besuchen. „Als gute Vertreterin meiner Generation habe ich alles gelesen, was im Internet zu jungen Ordensleuten zu finden war. Die Vorstellung, dass ich eine von ihnen werden könnte, war komisch.“ Obwohl dieser Weg so gar nicht zu ihrem bisherigen Selbstbild passte, habe sie eine Klarheit in ihrer Entscheidung gespürt.
Der Weg ins Noviziat
Zu diesem Zeitpunkt stand die Congregatio Jesu (CJ) noch nicht auf dem Plan. „Die ignatianische Spiritualität mochte ich schon seit dem Studium, aber die Lebensweise des Ordens fand ich zuerst nicht so attraktiv.“ Denn in der CJ leben die Schwestern zwar zusammen, doch einen strikt geregelten, gemeinsamen Tagesablauf gibt es nicht – den größten Teil ihres beruflichen und spirituellen Lebens gestalten die Schwestern selbst. Wenn schon Orden, dann wollte sie auch etwas Klösterliches. Doch ein Treffen einer Gruppe für ordensinteressierte Frauen in einer Kommunität der CJ brachte eine erste Gewissheit: „Ich wusste gleich, dass ich diese Spur weiterverfolgen möchte.“
Ein Dreivierteljahr später folgte das Postulat in Altötting – neben dem sie ihre Arbeit im Bundestag weiterführte –, dann die Aufnahme in das Noviziat. Seitdem lebt Schwester Salome hauptsächlich in Wien und reist in den sogenannten „Experimenten“ durch die ganze Welt. Ihre Highlights: ein Monat stille Exerzitien in Wales und eine Pilgerreise in Spanien.
Politik und Ordensleben: Berufungen verbinden
Ihre politische Berufung hat Schwester Salome mit dem Eintritt in das Noviziat keinesfalls aufgegeben. Schon im Postulat scherzte sie über die Parallelen: Sowohl im Bundestag als auch in Altötting las sie den größten Teil ihrer Zeit Rechtstexte. Auch mit den Mitschwestern diskutiert sie gerne über Politik. Wohin es für sie nach dem Noviziat geht, entscheidet der Orden – Gehorsam gegenüber der Sendung gehört zur ignatianischen Spiritualität. Trotzdem könnte Schwester Salome später wieder politisch arbeiten. Der Orden besitzt sogar einen Beratungsstatus im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen. So hofft Schwester Salome, dass sie beide Teile ihrer Berufung leben kann: die Hingabe an Gott und das Engagement in der Politik.
Text: Lilly Krka, Bild: SMB/Krka
Dieser Text ist zuerst im Magazin "stillehalten" des Sankt Michaelsbund erschienen.





