Gerufen und Gesandt - Teil 1: Berufung

2007 wurde Sr. Elisabeth Pak eingeladen, um ihr goldenes Ordensjubiläum an dem Ort zu feiern, wo ihre Ordenszugehörigkeit ihren Anfang genommen hatte: In München. Zu diesem Anlass verfasste sie eine Erinnerung an die Jahre ihrer Ausbildung in Nymphenburger Noviziat. Mit Hilfe ihrer ehemaligen Mit-Novizin Sr. Renata Lauber CJ brachte sie den Text im Deutschen ins Reine und las ihn den Mitschwestern bei der Feier vor.

Zum Anlasss des 70. Jahrestags ihrer Ankunft in München veröffentlichen wir dieses außergewöhnliche Zeitdokument noch einmal in mehreren Teilen.

Bibiana Bak vor ihrer Einkleidung zusammen mit zwei Schwestern in Tracht.
1956: Bibiana Pak noch vor Ihrer Einkleidung in Nymphenburg. © Archiv der Congregatio Jesu - Mitteleuropäische Provinz, München

Teil 1: Berufung

"Im Jahre 1950 brach in Korea der Krieg aus: Südkorea gegen Nordkorea. Im ganzen Land herrschten Angst und Schrecken wegen der Drohungen, Plünderungen und sonstiger Unruhen. Das Volk lebte in Armut und führte ein elendes Leben. Drei Monate vor meinem Abschluss der High-School wurde die Schule geschlossen; wir mussten unser Zeugnis am Sekretariat abholen. Erst im Jahre 1954 konnte ich an der Universität in Seoul das Studium der  koreanischen Literatur aufnehmen. Ich war glücklich darüber.

In dieser Zeit spürte ich immer öfter den Impuls, in einen Orden einzutreten; seit Jahren schon trug ich diesen Gedanken im Herzen. Da kam ein Brief von Onkel Thomas, der in Japan bei den Jesuiten eingetreten war, als ich zehn Jahre alt war. Seitdem hatte ich keine Verbindung zu ihm. Er schrieb mir: „Bibiana, ich kenne ein gutes Kloster in München. Komm nach Deutschland und lebe im Kloster mit. Wenn es dir gut geht, tritt dort ein, wenn es nicht sein soll, geh ohne Sorgen nach Hause.“

Was für ein Blitzschlag! Kloster im Ausland? Ich war sehr entsetzt. Wie konnte ich das tun ohne Sprachkenntnisse? Ich befand mich in großer Verwirrung, weil ich nicht wusste, wie ich auf diese Anfrage reagieren sollte. Ich fragte Onkel Francis, der an der theologischen Hochschule in Seoul war, um seinen Rat. Er sagte mir: „Wir wollen beten.“

Ich habe mich bemüht, den Willen Gottes zu suchen. Ich betete, betete …

Eines Tages hörte ich deutlich eine innere Stimme: „Komm, komm!“  Ich war so überwältigt vor Staunen, dass ich nur „ja“ sagen konnte.

„Die arme Bibiana!"

Damit war die Entscheidung gefallen, nach Deutschland zu gehen. Von jetzt an wollte ich keinen Aufschub mehr, denn mein Gewissen beunruhigte mich. Ich teilte Onkel Francis mit, was mein Herz bewegte. Gleichzeitig benachrichtigte ich Onkel Thomas brieflich. Ich hatte gerade das vierte Semester fertig. Da entschloss ich mich, mein Studium abzubrechen und mich auf die Reise nach Deutschland vorzubereiten.

Onkel Thomas benachrichtigte Mater Provinzialoberin M. Tarasia Konstantin in Nymphenburg.

Nach einiger Zeit erhielt ich einen Brief vom Institut der Englischen Fräulein in München. Weil ich den Brief nicht lesen konnte, bat ich die deutsche Sekretärin von Hochw. Bischof Ro, Fräulein Gabi Vilsmeier aus Regensburg, den Brief zu übersetzen.

Der Inhalt war ein herzlicher Willkommensgruß und die Bitte, eine koreanische Bibel und ein Wörterbuch mitzubringen; an Wäsche und Kleidung bräuchte ich nur das Notwendigste. Es lagen auch die Einladungspapiere für die Behörden bei, dass ich den Pass für die Ausreise beantragen konnte.

Als bei den Nachbarn und Freunden bekannt wurde, dass ich nach Deutschland ins Kloster gehe, waren alle sehr erstaunt und manche auch besorgt. Ich hörte sie sagen: „Die arme Bibiana! In Deutschland gibt es keinen Reis, nur Brot und Kartoffeln. Wie kann sie leben ohne Sprachkenntnisse? Sie ist sehr schüchtern. Wird sie sich an die Europäer anpassen können? Manche meinten auch, ich sei wirr im Kopf und verrückt geworden. Die meisten waren voller Mitleid mit mir. Ich blieb trotzdem bei meinem Entschluss. „Gott wird mir schon helfen!“

„Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“

Nach drei Monaten bekam ich den Pass, um nach Deutschland zu reisen."

Hintergrund:

1964 gingen mit Sr. Elisabeth Pak drei weitere koreanische Schwestern, die ihre Ordensausbildung in der Mitteleuropäischen Provinz absolviert hatten, zurück in ihre Heimat, um dort die erste Niederlassung in Korea zu gründen.  wurde von Nymphenburg aus die erste Niederlassung in Korea gegründet, das erste Haus wurde im gleichen Jahr in Seoul eröffnet. Zwei Jahre später wurden eine Grundschule und eine weiterführende Schule in Dae-Jeon eröffnet. Die Entwicklung der CJ in Südkorea verlief rasant: Bis 1973 war die Mission und der Orden so stark gewachsen, dass eine eigene Koreanische Provinz mit einer koreanischen Provinzoberin gegründet wurde. Heute ist die koreanische Provinz eine der größten innerhalb der CJ. Die Gemeinschaften sind heute über ganz Südkorea verteilt. Derzeit hat die Provinz über 230 Mitglieder, die in vielen Bereichen tätig sind: In Bildung, Krankenpflege, Seelsorge und geistliche Begleitung. 2007 hat die Koreanische Provinz zudem ein Studentinnen-Wohnheim in der Mongolei eröffnet, 2013 in Manila eine Gemeinschaft für Studentinnen und 2020 eine weitere Gemeinschaft auf den Philippinen gegründet. Seit 2019 gibt es auch eine apostolische Präsenz der koreanischen Schwestern in Myanmar.