Gerufen und Gesandt - Teil 3: Der Weg zum Ordensleben
2007 wurde Sr. Elisabeth Pak eingeladen, um ihr goldenes Ordensjubiläum an dem Ort zu feiern, wo ihre Ordenszugehörigkeit ihren Anfang genommen hatte: Nach München. Zu diesem Anlass verfasste sie eine Erinnerung an die Jahre ihrer Ausbildung in Nymphenburger Noviziat. Mit Hilfe ihrer ehemaligen Mit-Novizin Sr. Renata Lauber CJ brachte sie den Text im Deutschen ins Reine und las ihn den Mitschwestern bei der Feier vor.
Zum Anlasss des 70. Jahrestags ihrer Ankunft in München veröffentlichen wir dieses außergewöhnliche Zeitdokument noch einmal in mehreren Teilen.

Teil 3: Der Weg zum Ordensleben
Kandidatur 04.08.1956 – 02.02.1957:
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, musste ich eine Weile überlegen, wo ich war und ob Morgen oder Abend sei. Ich schaute mich um.
Auf beiden Seiten des langgestreckten Raumes waren Betten, voneinander abgeteilt durch weiße Vorhänge, rechts und links je sieben. Sie sahen aus wie kleine Zellen. War ich im Krankenhaus?
Da kam lachend eine große Schwester zu mir und deutete auf ihre Armbanduhr. Es war 9.30 Uhr! Um Gottes Willen! erschrak ich: Ich habe die hl. Messe versäumt und auch das allgemeine Frühstück.
So begann mein erster Tag in der Kandidatur.
Wenn ich zurückschaue, fühle ich, dass alles sehr schwer war, aber ich weiß auch mit Sicherheit, dass ich nicht in einen ausländischen Orden eintreten wollte, um etwas Besonderes zu tun, das mir Ansehen verschaffte, noch aus Interesse an Land und Leuten in einem weit entfernten Land.
Ich kam nach Deutschland nur, um Gottes Ruf zu folgen.
Ich kam buchstäblich mit leeren Händen und leerem Herzen. In meinem Koffer waren nur die Bibel, zwei Wörterbücher (Koreanisch-Japanisch und Japanisch-Englisch, weil es keines für Koreanisch-Deutsch gab) und das Nötigste an Kleidung und Wäsche.
Ich lernte und lernte...
In der Kandidatur waren 19 junge Frauen; 14 davon bereiteten sich auf das Noviziat vor, das mit der Einkleidung am 23. 08. 1956 begann.
Alle trugen noch weltliche Kleidung und arbeiteten in der Schule oder im Haus. Da schon Schulferien waren, hatten einige Kandidatinnen Zeit, mir Haus und Garten zu zeigen und dabei ersten Sprachunterricht zu geben. Wie ein Papagei versuchte ich, jedes Wort richtig nachzusprechen. Immer trug ich ein Heftchen in meiner Tasche, in das ich jedes Wort schrieb oder mir schreiben ließ, wenn ich es nicht verstand.
Ich lernte und lernte … auf dem Weg durchs Haus, bei den Mahlzeiten, beim Spazierengehen und bei jeder Begegnung. Wenn ich allein war, wiederholte ich und versuchte, mir das Gelernte einzuprägen. Ich fühlte mich den ganzen Tag über wie eine Schülerin im Deutschunterricht.
Oft mussten meine Mit-Kandidatinnen lachen, wenn meine Aussprache für sie sonderbar war, wenn ich die gelernten Wörter nicht richtig anwendete, oder über manche Verhaltensweisen, die ihnen fremd waren. Auch wenn mir nicht nach Lachen war, lachte ich mit.
Die jüngeren Kandidatinnen hatten großes Interesse an mir, der Ausländerin. Immer wieder zog mich eine auf die Seite und wollte meine Lehrerin sein. Spaßvögel erlaubten sich dabei Scherze mit mir, indem sie mir Dialektworte beizubringen suchten, die für mich unaussprechbar waren. Ich hatte auch keine Ahnung, was sie bedeuteten.
Obwohl ich so viel wie nichts verstand, ging ich mit den andern zur geistlichen Lesung und zur Unterweisung. Jeden Montag kam der Hausgeistliche, Herr Studienprofessor Andreas Hofer, zu einer Katechese. Am Abend trafen wir uns zur Rekreation. Es fiel mir schwer, in der Gemeinschaft wie eine Stumme zu sitzen. Nur durch Mimik und Gesten konnte ich kundtun, was ich gern gesagt hätte.
Die hl. Messe feierten wir täglich mit den Ordensfrauen in der Hauskapelle. Die schöne große Kirche, die man mir auf Bildern zeigte, war bei einem Bombenangriff im Krieg zerstört worden, darum war die Kapelle in der Aula der Schule untergebracht. Für die vielen Schwestern (ungefähr 100) und die Kandidatinnen war der Platz sehr knapp. Mittags und abends machten wir in der Kapelle auch gemeinsam mit den Schwestern Anbetung und Gewissenserforschung.
Marmelade auf Butter oder Marmelade auf Wurst?
Alles war für mich neu. Ich verhielt mich, wie es in Korea für eine Frau üblich ist: Ich begrüßte die Schwestern mit tiefer Verneigung, bedeckte beim Lachen den Mund mit den Händen und nahm die Dinge, die man mir gab, mit beiden Händen entgegen.
Weil ich nicht mit Messer und Gabel umgehen konnte, kam ich mir wie ein ungeschicktes Kind vor. Ich nahm nur wenig von den Speisen auf den Teller, weil die deutsche Weise zu essen für mich so schwer war, dass ich nicht fertig wurde. Wie einfach wäre es mit den Stäbchen gewesen!
Ich kannte viele Speisen nicht und wusste auch nicht, was zusammenpasste von dem, was z.B. zum Frühstücksbrot auszuwählen war: Marmelade auf Butter schien richtig, Marmelade auf Wurst brachte alle zum Lachen. Für mich war weder das eine noch das andere schmackhaft.
Ich hatte oft Hunger, auch weil ich viele Speisen nicht vertrug. Da war es für mich eine liebes Zeichen des Verstehens, dass mich M. Floriberta unauffällig zu sich in das Zimmer der Kandidatenmeisterin holte und mir ein gekochtes Ei gab. Da sie meine Freude sah, durfte ich jetzt immer um 12.00 Uhr zu ihr kommen und das Ei holen. Dafür war ich sehr dankbar.
Wir gingen ja erst um 13.00 Uhr zum Mittagessen.
Die Tage vergingen schnell und voller Unruhe
Allmählich lernte ich das Leben und die Arbeitsbereiche der Schwestern in Nymphenburg kennen.
Viele arbeiteten als Lehrerinnen und Erzieherinnen im Gymnasium, in der Realschule, in der Volksschule, im Kindergarten, im Tagesheim und im Internat, wo damals 80 Zöglinge wohnten.
Es gab eine sogenannte „Armenpforte“, an der täglich für Bedürftige ein warmes Mittagessen ausgegeben wurde.
Hinter den Gebäuden erstreckte sich ein großes Gelände. Ein Teil davon war Wiese mit verschiedenen Obstbäumen, daneben gab es viele Gemüsebeete und Blumenrabatte. Ein Weizen- und ein Gerstenfeld schlossen sich an. Die Schülerinnen hatten einen eigenen Platz für Spiel und Sport.
Auf dem Gelände befanden sich zwei kleinere Häuser, das eine war ein Schweinestall, im andern war die Schusterwerkstatt. Überall arbeiteten fleißige Schwestern.
Der größte Bau war die großzügig und schön ausgestattete Schule für Gymnasium und Realschule. In den kleinen Dachzimmern wohnten die Schwestern eng beisammen, weil ihr Wohngebäude auch im Krieg zerstört worden war. Ungefähr 1000 Schülerinnen gingen täglich ein und aus. Da viele mit Fahrrädern ankamen, gab es dafür einen eigenen überdachten Platz. Alle mussten durch die Garderobe gehen, um die Schuhe zu wechseln.
Es gab keine Schuluniform wie bei uns. Kleidung und Frisur waren individuell verschieden und änderten sich mit der jeweiligen Mode.
Der Beginn der Unterrichtsstunden wurde durch einen volltönenden Gong angezeigt. In den Pausen ging es laut zu, aber auch sonst war im Schulhaus, besonders im Pfortenbereich reger Betrieb: Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen, Angestellte und Gäste kamen und gingen. Dazwischen sah ich die Schwestern, die es auf den Gängen und Treppen meist eilig hatten, so dass, vor allem bei den jüngeren, oft auch die Schleier flogen.
So vergingen die Tage schnell und voller Unruhe.
Wie sollte ich in so einer Umgebung eingezogen und in geistlicher Atmosphäre leben können? Bis dahin waren meine Vorstellungen vom Klosterleben ganz anders gewesen. Ich erwartete kontemplative Stille und viel Zeit zum Beten – allein und in Gemeinschaft…
War ich an den falschen Ort geraten?
Hintergrund:
1964 gingen mit Sr. Elisabeth Pak drei weitere koreanische Schwestern, die ihre Ordensausbildung in der Mitteleuropäischen Provinz absolviert hatten, zurück in ihre Heimat, um dort die erste Niederlassung in Korea zu gründen. wurde von Nymphenburg aus die erste Niederlassung in Korea gegründet, das erste Haus wurde im gleichen Jahr in Seoul eröffnet. Zwei Jahre später wurden eine Grundschule und eine weiterführende Schule in Dae-Jeon eröffnet. Die Entwicklung der CJ in Südkorea verlief rasant: Bis 1973 war die Mission und der Orden so stark gewachsen, dass eine eigene Koreanische Provinz mit einer koreanischen Provinzoberin gegründet wurde. Heute ist die koreanische Provinz eine der größten innerhalb der CJ. Die Gemeinschaften sind heute über ganz Südkorea verteilt. Derzeit hat die Provinz über 230 Mitglieder, die in vielen Bereichen tätig sind: In Bildung, Krankenpflege, Seelsorge und geistliche Begleitung. 2007 hat die Koreanische Provinz zudem ein Studentinnen-Wohnheim in der Mongolei eröffnet, 2013 in Manila eine Gemeinschaft für Studentinnen und 2020 eine weitere Gemeinschaft auf den Philippinen gegründet. Seit 2019 gibt es auch eine apostolische Präsenz der koreanischen Schwestern in Myanmar.





