500 Jahre neu: Begegnungs- und Lesekreis zu Ignatius

Das ignatianische Jubiläumsjahr wird in der Congregatio Jesu auf vielfältige Weise begangen und gefeiert. Eine Weise ist der Begegnungs- und Lesekreis zu Fehlerkultur im EMMAUS-Projekt in München Nymphenburg. Inhaltlicher Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Ignatius sich durch die Gabe auszeichnete, aus eigenen Erfahrungen zu lernen. Er beschreibt in seinem geistlich-biographischen „Bericht des Pilgers“ auch seine Fehler mit dem entsprechenden Blick.

Seine Konversion basierte auf dem Gewahrwerden eines Fehlers: Er investierte Aufmerksamkeit und Leidenschaft in etwas, das ihn weniger zufrieden machte als durch anderes möglich wird. Aber auch nach der Konversion, am Beginn seines neuen Weges, lernte er auf demselben Wege weiter. Zuerst neigte er zu Übertreibungen im geistlichen Leben. Durch falsch verstanden Askese ruinierte er seine Gesundheit, auf spektakuläre Visio-Halluzinationen fiel er herein. Erst der richtige Umgang mit diesen Erfahrungen machte sie zu Quellen des persönlichen Wachstums.

Ignatius als Vorbild der Fehlerkultur?

„Fehlerkultur“ ist seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Schlüsselwort aller Teamarbeit geworden. Der Lesekreis, der sich seit Beginn des Jubiläumsjahres in wechselnder Zusammensetzung trifft, liest und studiert seit Mai 2021 monatlich Texte, die in der einen oder anderen Weise vom Umgang mit Fehlern sprechen: den „Bericht des Pilgers“, aber z.B. auch die Konstitutionen der Congregatio Jesu, die Bibel, den Knigge und moderne pädagogische Literatur.

Strategische Fehler (Ignatius' Kampfansage in Pamplona), nicht zielführende Sozialhilfe, zu schnelles Urteil, Sünde, Sittenwidrigkeiten – ganz unterschiedliche Fehler werden durch die Texte thematisiert. Auch der Umgang unterscheidet sich: aufmerksam Hinschauen, dezent Wegschauen, Strafen, Aufbauen, Vermeiden, Wertschätzen.

Die Motivation ist wichtig. Bemüht man sich um Fehlerkorrektur mit dem Ziel des eigenen gesellschaftlichen Vorankommens? Ist der „Takt“ Angst vor der Konfrontation und vor der Eskalation, oder ist er die Frucht von Liebe und Güte? Welche „Messlatten“ messen die Fehler und das Gelingen – ist das Kriterium Korrektheit, ist es Menschenwürde, ist es das konkrete Wohlsein eines Individuums?  

Gemeinsame Lektüre und stetige Begegnung

Bis zum Juli, dem offiziellen Ende des Jubiläumsjahres, soll der Lesekreis stattfinden. Klein aber fein: eine Stunde können einige im Monat immer erübrigen. Leibhaftige gemeinsame Textarbeit ist in der Pandemie fast etwas Exotisches geworden. Aber das kleine Format passt in die ohnehin vollen Tagesabläufe. So kommt es zu einer stetigen, studierenden Begegnung: Schwestern und Gäste begegnen sich und tauschen sich aus.

Aus Wien fragte die Diözesanstelle an, ob sie die Veranstaltung aufnehmen könnten. Wenn sich jemand anmeldet, wird online „gesendet“. Ein überraschendes Interesse? Ja und Nein. Die Fähigkeit, eigenen Fehlern – seien sie individuell oder gemeinschaftlich – ohne Angst und mit Interesse ins Auge zu schauen und daraus in guter Weise zu lernen, war seit Adam und Eva und ist noch heute auch in der Kirche die Wachstumsbedingung Nummer Eins. Das Thema ist also für alle Gläubigen attraktiv. Ignatius hat Wege gewiesen, wie es gehen kann. Nicht Optimierung eigener Größe, sondern Gottes größere Ehre ist das Ziel.

Text und Fotos: Sr. Britta Müller-Schauenburg CJ

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